Beziehungen – Teil 3

Ich hab euch ja schon vorgewarnt, dass es noch sehr persönlich wird. Das lässt sich nicht umgehen, wenn man seinen Beziehungsanarchismus öffentlich kundtut. Alles was ich hier aufschreibe, habe ich so oder so ähnlich selbst erlebt.

Mich hat es übrigens auch persönlich sehr viel weitergebracht, über meine Art der Beziehungsführung (und deren Stolpersteine) öffentlich zu schreiben. Einerseits hilft, die ganzen Einstellungen, Werte und Gefühle in mir zu Papier zu bringen. Und andererseits ermutigen mich die vielen Rückmeldungen, die ich bekommen hab, diesen Weg weiter zu gehen. Auch wenn er nicht der des geringsten Widerstandes ist 🙂

Gefühle und so

Im ersten Artikel hab ich etwas zu Gefühlen geschrieben:

Für eine Person etwas zu empfinden, heißt nicht, für eine andere Person weniger zu empfinden.

Daran halte ich auch fest. Allerdings gibt es etwas, dass ich auch nicht berücksichtig habe: die Möglichkeit, für die andere Person anders zu empfinden. Das ist im Prinzip nicht tragisch, aber es führt zu einer Zwickmühle.

Nehmen wir an, Alice hat ein Verhältnis mit Bob. Bob führt eine klassische (aber nicht-monogame) Beziehung mit Carol. Wenn Alice und Bob Zeit miteinander verbringen, wird Bob Alice‘ Vorzüge und Makel kennen lernen. Bob wird, wenn er nicht gerade eins mit sich selbst ist, Alice und Carol vergleichen. Auch wenn das unterbewusst passiert, es hat Einfluss auf die Beziehung zwischen Bob und Carol.

Was, wenn Bob Alice lieber sieht, als seine Freundin Carol? Wenn Carol mit Bob geplant hat, etwas zu unternehmen und danach Alice Bob fragt, ob er Zeit hat – dann wird Bob sich ärgern und die Zeit mit Carol nicht mehr genießen können.

In dieser Situation hilft es nur, achtsam zu sein und die eigenen Gefühle zu kennen. Auch wenn Bob Alice gerade lieber sieht, wirkt es Wunder, wenn er sich für Carol bewusst Zeit nimmt.

Aber soll Bob das Carol eigentlich sagen? Dass er Alice lieber sieht als sie?

 

Nicht genug oder zu viel reden?

Ehrlichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr!

Jedes mal, wenn ich diesen Satz lese, gruselt mich zuerst die falsche Grammatik! Direkt im Anschluss gruselt mich aber der Inhalt: Ich soll unehrlich sein, um weiter zu kommen? Und der/die Ehrliche ist im Endeffekt der/die Dumme? So einfach ist es (zum Glück!) nicht.

Es gibt sinnvolle Ehrlichkeit und überflüssige Ehrlichkeit. Nicht sinnvoll ist zum Beispiel „Mein Vertrauen in dich ist gerade erschüttert.“. Der Satz wird aber sinnvoll, wenn man etwas dranhängt: „Mein Vertrauen in dich ist gerade erschüttert, weil du mich versetzt hast. Bitte achte in Zukunft darauf, pünktlich zu sein. Mein Vertrauen wird sich wieder aufbauen.“

Der zweite Satz enthält neben der Beobachtung auch noch eine Begründung und eine Bitte (hat etwas von gewaltfreier Kommunikation). Der Empfänger der Nachricht kann sie so besser einordnen.

Zurück zu Bob: Seine Ehrlichkeit gegenüber Carol, dass er lieber Zeit mit Alice verbringt, wäre unfair. In Ehrlichkeit dieser Art steckt eine Handlungsaufforderung: „Mach, dass ich mehr für dich empfinde. Oder finde dich damit ab.“ Beides ist für Carol keine Alternative.

Ich hab für mich eine recht einfache Regel gefunden: Wenn die Ehrlichkeit den anderen weiterbringt, ist sie sinnvoll – wenn sie nur verletzt, ist sie überflüssig. Und ja, so könnte man auch das Fremdgehen in einer monogamen Beziehung rechtfertigen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der Spruch von meinem Deutschlehrer aus der 5. Klasse passt viel besser als der obige:

Man muss immer die Wahrheit sagen – aber man muss die Wahrheit nicht immer sagen.

Erwartungen

Gehen wir nochmal zurück zu Alice, Bob und Carol. Angenommen, Alice führt mit Dave eine nicht-monogame Beziehung.

Bob sieht Alice gerade lieber als seine Freundin Carol. Für Alice muss aber nicht das Gleiche gelten. Es kann sein, dass die beiden eine intensive Zeit verbracht haben, aber Alice wieder mehr Zeit mit Dave verbringen will. Bob steht jetzt zwischen den Fronten: Er hat seine Freundin Carol, aber wäre vielleicht lieber mit Alice zusammen – die führt aber eine glückliche Beziehung mit Dave. Bob weiß dass und die Beziehung ist sogar so glücklich, dass Bob neidisch auf die beiden ist.

Jede Aktion von Bob wäre unfair gegenüber einer der drei Akteure.

  • Alice ihre Beziehung „madig reden“ führt dazu, dass Alice Bob nicht mehr ernst nimmt. Außerdem ist es unfair gegenüber Dave und würde darüber hinaus wohl kaum funktionieren.
  • Carol sagen, dass er lieber mit Alice zusammen wäre, würde sie nur verletzen. Und wer weiß, ob das nicht nur eine Phase ist, weil Alice und Bob so eine intensive Zeit miteinander verbracht haben?

Auch hier gilt: Achtsam gegenüber den eigenen Gefühlen sein. Bob kann es vielleicht noch gar nicht wissen, was er will. Gefühle sind immer nur eine Momentaufnahme.

Von Zeit zu Zeit muss man in den sauren Apfel beißen und gute Miene zum bösen Spiel machen, um sich nicht Möglichkeiten zu verbauen – bis man weiß, was man wirklich will.

Und wenn meine Gefühle das alles nicht wollen?

Ungleichgewichte sind leider normal in jeder Form von zwischenmenschlicher Beziehung. In Polygamen vermutlich noch mehr als in Monogamen, aber auch hier sind sie nicht ausgeschlossen.

Wir betrachten die Welt ständig durch die Brille unserer Gefühle – manchmal mehr, manchmal weniger. Aber die Sicht verändert sich ständig. Und hin und wieder sind Gefühle einfach ein Arschloch. Und damit muss man klar kommen.

One thought on “Beziehungen – Teil 3

  1. Meine Güte, wie kompliziert und verworren das klingt! Ich bin gerade voll auf dem GFK-Trip und versuche daher immer alles in Bedürfnisse zu übersetzen. Gerade lese ich auch ein Buch, das heißt „Sei nicht nett, sei echt!“ von Kelly Bryson, wo gerade der Punkt Beziehungen auch angesprochen wird und die zwei gegensätzlichen Bedürfnisse nach Nähe und Freiheit, die zu Konflikten führen.
    Was ich wichtig fände jetzt in dem Kontext, ist herauszufinden, welche Bedürfnisse hinter einer Beziehung stehen. Geht es mir um Sicherheit? Oder um Sex? Oder um Nähe? Kann eine Person alleine für alle meine Bedürfnisse der richtige Ansprechpartner sein?
    Das mit der Ehrlichkeit sehe ich etwas anders. In den sauren Apfel zu beißen und Zeit mit jemandem verbringen, mit dem ich eigentlich gerade keine Zeit verbringen will, ist für denjenigen auch nicht toll. Ich würde mich ziemlich schlecht fühlen, wenn jemand Zeit mit mir verbringt, obwohl er es eigentlich gar nicht will. Aber ich denke, auch da kann man darauf sehen, was die Bedürfnisse sagen. Vielleicht ist meine Partnerin gerade nicht so gut drauf und alle Gespräche drehen sich um ihre Probleme. Dann habe ich vielleicht das Bedürfnis nach Leichtigkeit, was mir jemand anderes geben kann, weswegen ich lieber mit ihr zusammen bin.

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