Beziehungen – Teil 5 – „Conclusion“

Für manch ein englisches Wort gibt es im Deutschen kein Äquivalent. Ich mag das Wort „Conclusion“, weil es sich anhört wie eine Mischung aus „Zusammenfassung“ und „Schlussfolgerung“ – vorerst am Ende einer Reise zu sein. Und dieser Zustand entspannt ungemein.

Noch gar nicht lange ist es her, dass ich Teil 4 der Serie über Beziehungen schrieb. Und eh man sich versieht hab ich meinen Beziehungsstatus wieder geändert. Dass das so schnell ging, liegt weniger an meiner Wandlungsfähigkeit, als vielmehr daran, dass ich sehr lange gewartet habe, bis ich den vierten Teil geschrieben hab.

Im Moment bin ich an einen Punkt angelangt, der irgendwo zwischen Fuck itund Fuck you liegt. Aber fangen wir mit meinen Gedanken von vorne an.

Unbeständigkeit

Über die Unbeständigkeit habe ich im letzten Artikel schon geschrieben. Dass menschliche Beziehungen (wie alles andere im Leben auch) dem ständigen Wandel unterworfen sind, daran hab ich nie gezweifelt. Auch die Beziehungsanarchie trägt diesem Umstand Rechnung. Ich wollte meine Art der Beziehung auf ein halbwegs festes Fundament stellen, von dem aus man sich entwickeln kann. Aber ich vergaß, dass es implizit „für immer“ gedacht war. Damit kann ich mich nicht anfreunden.

Allerdings werden, trotz der Einzigartigkeit menschlicher Beziehungen, in der Beziehungsanarchie immer noch Beziehungen als etwas gesehen, das mit Gefühlen zu tun hat.

Absprachen

Ich muss auch eingestehen, mich nicht an Absprachen gehalten zu haben. Wenn man verabredet hat, bei Dingen außerhalb der Beziehung vorher darüber zu reden, sollte man das auch tun. Allerdings geht damit jegliche Spontanität verloren – soll ich, wenn ich mich an jemanden kuschle und Lust verspüre, erst meine Freundin anrufen? Das klingt wie jedes mal eine Erlaubnis einzuholen und stößt mir sauer auf. Das in der Theorie ganz gute Modell vom letzten Artikel erweist sich in der Praxis einfach als Griff ins Klo – zumindest für mich.

Warum fällt es mir aber so schwer, bei einer Person zu bleiben? Und warum stelle ich mir diese Frage überhaupt? Sehe ich die Monogamie immer noch als „Ideal“ an und „rumhuren“ immer noch als falsch?

Die Schere im Kopf

Meine liebe Freundin Karo hat mir in letzter Zeit zwei tolle Artikel geschickt und mir sonst auch viel Input zu dem Thema gegeben.

„Andere fremde Frauen haben mir, wenn es mir scheiße ging, die Gewissheit gegeben, noch immer ein attraktives männliches Wesen zu sein. Ich hoffe, für manche flüchtige Sexpartnerin habe ich das auch getan. Und wenn wir einfach eine Nacht lang Spaß miteinander hatten, war das eigentlich auch Grund genug.“ – Max Varon von bento

Warum soll es schlimm sein, jemanden zu suchen, mit dem man schläft und sonst nichts? Wenn man es genauer betrachtet, ist es das auch nicht. Aber es gibt immer zwei Seiten der eigenen Wirklichkeit: die bewusste und die unbewusste. Bewusst war mir es schon immer, dass auch diese Ansicht völlig in Ordnung ist. Unbewusst dachte ich immer, ich bin komisch oder verpasse die „wahre Liebe“. Es ist also an der Zeit zu sagen: Sex macht Spaß und ist für mich nichts emotionales.

Neue Begriffe

Direkt nach dieser Erkenntnis ist mir (wieder mit Karos Hilfe – danke!) noch etwas aufgefallen: Ich unterscheide nicht (oder nicht genug) sexuelle und romantische Ebene. Selbst als Beziehungsanarchist bin ich davon ausgegangen, dass sich die sexuelle und die emotionale Seite eines menschlichen Verhältnisses mischen können oder teilweise gegenseitig bedingen. Wenn ich mich aber frage, was ich eigentlich bin, trifft wohl am besten Folgendes zu: Ich bin Polysexuell und Anamor. Das heißt, ich kann und will mit vielen Menschen schlafen, ich will aber mit niemandem eine romantische Ebene.

Um mal die gängigsten Fragen vorweg zu beantworten:

„Du armer Kerl, du kannst nichts empfinden!“

Dein Mitleid ist nicht angebracht. Ich kann natürlich romantische Gefühle empfinden, aber ich will nicht.

„Hast du Bindungsangst?“

Es ist keine Angst, sondern eine bewusste Entscheidung. Ich bin mit der Situation zufrieden, so wie sie ist, und glücklich, diese Seite an mir entdeckt zu haben.

„Bist du unfähig zu fühlen?“

Nein, ich kann durchaus sowohl freundschaftliche Gefühle als auch Liebe, z.B. für Familie oder enge Freunde spüren. Ich will nur keine partnerschaftliche Liebe spüren.

„Dreht sich bei dir jetzt alles um Sex?“

Nein, ich kann Menschen auch ohne Sex begegnen. Aber wenn man sich gegenseitig anziehend findet, warum sollte man nicht miteinander schlafen? Weil es „auch ohne geht“? Das überzeugt mich nicht.

„Wirst du dann nie eine Famile haben?“

Vermutlich nicht, nein. Aber vom Geld, das man für Späße wie Hochzeit und Kinder ausgibt, kann man sich einen tollen Lebensabend in Goa mit den vielen Althippies dort machen. Oder in einem buddhistischen Kloster, das weiß ich noch nicht 🙂

Und jetzt?

Ebenfalls von Karo hab ich diesen wunderbaren Artikel, der neue Begriffe fordert:

Pleund: Herkömmlicher Freund im eigentlichen platonischen Sinne.
Friebe: Partner in einer frischen Liebesbeziehung, mit dem man quasi „zusammen“ ist.
Fratte: Partner, mit dem man eine eheähnliche Beziehung führt, also zusammen lebt und/oder gemeinsame Kinder hat.StudiVZ
Fumpel: Kumpel, mit dem man auch mal ganz unverbindlich ins Bett steigen kann.

Ich suche dann wohl Pleunde und Fumpel. Aber auf keinen Fall Friebe und erst recht keine Fratte. Und mein Beziehungsstatus? Im StudiVZ (wer kennt das noch?) gabs den passenden Status für mich: Kein Interesse.

That’s all Folks!

 

6 thoughts on “Beziehungen – Teil 5 – „Conclusion“

  1. Heiko

    Deine Fünf Artikel lesen sich relativ flüssig und drehen sich zwar um das Thema Beziehung, offenbaren jedoch bisher nur Sachverhalte und Eigenschaften die „nicht“ da sind oder fehlen. Bisher wird nie deutlich, was denn Grundlage einer Beziehung sein soll (wie immer die dann auch betitelt wird).

    Bisher liest sich das so, als würdest du zur „Berliner-Freificker-Szene“ gehören wollen. Ein Begriff den Mimi&Käthe geprägt haben: http://mimiundkaethe.com/offene-beziehung/ (Mein Wort des Jahres 2015).

    Aus fünfzehn Jahren Polyamorer Lebensweise, fällt mir bei den fünf Artikeln hier auf, dass die Begriffe Verantwortungsbewusstsein für dich und alle an einem Beziehungsversucht beteiligten komplett fehlt. Neues Beziehungssysteme bedeutet leider nur sehr oberflächlich „jeder ist für sich selbst verantwortlich“. Das ist, mit Verlaub gesagt: gequirlte Scheiße. In einer Monogamen Beziehung bedeutet es schon das beide Seiten eine Mitverantwortung für die jeweils andere Partei sehr gerne übernehmen. In einem Geflecht was größer als 2 ist, bedeutet es nicht weniger Verantwortung sondern deutlich mehr. Denn nun sind alle beteiligten mit dafür verantwortlich das alles funktioniert. Die Notwendigkeit deutlich und frei zu Kommunizieren potenziert sich damit.

    Dein oben geäußertes Problem „nicht einhalten können/wollen von Absprachen“ hat aber auf dem Papier erst einmal wenig mit der Form der Beziehung zu tun. Das nicht einhalten können von Absprachen torpediert jede Art von Beziehung zu anderen Menschen. Deshalb finde ich es persönlich sehr merkwürdig, dass du es in einen Beziehungsartikel schreibst, der ja bisher immer nur aufzählt was fehlt oder nicht sein soll.

    Du schreibst hier quasi zum ersten Mal, vielleicht auch sehr unbewusst eine Eigenschaft die zwingend notwendig ist um jegliche Art von Beziehung zu führen: Das einhalten von Absprachen (und somit Vertrauen und Verantwortung).

  2. Alex

    Hallo Flo,

    ich mochte diese Reihe, sie hat sich gut gelesen.
    Aber dieser letzte Beitrag hört sich etwas nach „etwas läuft nicht wie ich mir es vorgestellt habe also bin ich bockig“ an.

    Es wird wieder ein Mensch kommen dem du etwas bedeutest und der auch dir etwas bedeutet – und ich meine nicht auf die Freundschaftliche Art. (Außerhalb von Familie)

    Ich würde nicht gleich das Handtuch werfen. Entspann dich, leg die Füße hoch, trink ein Bier und genieß die momentane Situation. Und warte was da kommt.
    Und hinterfrag nicht ständig alles.

    Gruß
    Alex

  3. Ich hab jetzt Deinen echt spannenden Beziehungs-Selbstfindungs-Trip 1-5 von Anfang bis Ende verfolgt und finde es toll, wie offen Du das Hinundher thematisierst.

    Für mich ist nur immer rätselhaft, warum nach der passenden Einordnung zum Einen von sich selbst in: ich bin „monogam“, „Beziehungsanarchist“, „polyamor“ etc. und zum anderen nach einer Einordnung der Menschen mit denen man eine Beziehung lebt (siehe neue Begriffe aus dem zitierten Artikel) und dann auch noch zu einer Beziehungsform (Monogame Beziehung, Freundschaft +, Polyamore Beziehung…) gesucht werden muss? Und diese dann auch immer so unumstößlich feststeht („So bin ich und nicht anders!“)?

    Mich würde das zu sehr einengen… Weil ich dann in meiner individuellen Beziehung an die jeweiligen Regelungen der von mir propagierten Lebensform gebunden wäre, obwohl sie auf meine individuelle Situation überhaupt nicht passt, weil meine Partner jeweils individuell sind und ihre Bedürfnisse auch, weil ich je nach Partner, derzeitiger Gefühlslage mal mehr und mal weniger anpassungsfähig bin und sein will, weil ich finde, dass keine Schublade für alles passt und ich auch keinen Sinn darin sehe, neue Schubladen zu erfinden oder schon vorhandene in noch kleinere Schubladen zu unterteilen – einfach damit ich auch in eine reinpasse.

    Muss ich mich oder meine Beziehung sich unbedingt irgendwo einordnen? Ich finde die Beziehung zu einem oder mehreren Menschen definiert sich über die Bedürfnisse und Charaktere der Beteiligten und der Intensität der Bindung untereinander. Die Beziehung kann dann mehr oder weniger romantisch sein, sexuell, asexuell, polyamor, monogam, offen, anarchistisch, gebunden, frei, freundschaftlich… Welcher Anteil von was da gerade im Spiel ist, könnte ich niemals planen. Es entsteht aus meinen aktuellen Bedürfnissen und im Miteinander mit den Menschen, die (gerade) in meinem Leben sind. Vielleicht gehört dazu eine Phase in der ich keinen an mich heranlassen will, oder irgendwann auch mal wieder eine eher monogam geprägte, wer weiß?

    1. Flo

      Da stimme ich dir total zu! Was du beschreibst ist ja die Offenheit von Beziehungsanarchie, also gar nicht kategorisieren. Im Prinzip vertrete ich diese Meinung immer noch, allerdings brauchen andere Menschen mehrheitlich „klare Verhältnisse“. Dadurch, dass ich zumindest sage, „ich will keine romantische Beziehung“ steht ein Eckpfeiler schon mal fest.

  4. Chrissl

    Guten Morgen!
    Ich bin froh, dass du deinen absolut unschlüssigen Artikel vom letzten Mal aufgelöst hast.
    Ich denke ich bin der letzte Mensch, der jemand anderem sagen will, was ihre / seine Normalität sein soll, denn das ist alles reine Definitionssache.
    Wenn du dich so momentan wohl fühlst, Glückwunsch!
    Dennoch denke ich, dass auch du Liebe und Beständigkeit für jemanden empfinden könntest, nur der Drang nach Selbstbestätigung so groß ist, dass er dir diese Möglichkeit verbaut. Denn eine Freundin kann dich nicht alleine tragen und dir täglich eine Bestätigung geben, die muss aus dir selbst kommen. Wenn du das gelernt hast, denke ich, wäre es einen Versuch wert. Aber bis dahin: Pass auf! Sowohl auf dich, als auch auf deine Mitmenschen, was du mit deinen Verhaltensweisen bei ihnen auslöst.
    LG Christine

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