Die Monogamie-Lüge

Monogamie-Lüge klingt hart, oder? Ich werde gleich erklären, warum der Titel härter klingt, als er gemeint ist. Mit dem Bezichtigen der „Lüge“ unterstelle ich ja erstmal jedem monogamen Menschen, sich selbst zu belügen – so weit möchte ich nicht gehen. Aber ich werde doch einige unbequeme Fragen aufwerfen, die man sich stellen sollte.

Ausgangssituation

In der ZEIT erschien vor kurzem ein Artikel mit dem Titel „Ich gehöre dir nicht“. Dieser regte mich dazu an, mal mein eigenes Beziehungskonzept (ich bloggte  ja schon darüber) zu hinterfragen.

Ich bin seit ein paar Monaten partnerschaftslos und mir geht es besser denn je. Das liegt zwar nicht ausschließlich an meiner Nicht-Beziehung, aber sich darüber im klaren zu sein, trägt schon einen großen Teil dazu bei, dass ich mich gerade fast den ganzen Tag euphorisch fühle. Ich kann endlich ungezwungen Gefühle für jemanden empfinden und muss mir auf der einen Seite nicht dauerhaft die Frage stellen, ob diese „ausreichend“ sind und muss andererseits auch keine Angst haben, verlassen zu werden. Kurzum: mein Ego in Beziehungen ist kleiner geworden.

Voll von dieser Euphorie hab ich dann mal in meinem Bekanntenkreis ein paar Leute gefragt, von denen ich wusste, dass sie Konzepte wie „offene Beziehung“, „Poly“ u.ä. nicht gänzlich ablehnen. Das Ergebnis war zuerst mal ernüchternd.

„momentan ist es eine voll monogame Beziehung, die wir mega genießen :). Ich fühle mich trotzdem frei, aber habe kein Interesse an anderen sexuellen Kontakten.“

oder

„Hast du denn ne monogame Beziehung?“ – „Ja 🙂 Und ich feiers!“

und noch ein paar andere. Nur um das zu verdeutlichen: Ich bin nach wie vor nicht der Meinung, dass alles außer freie Liebe scheiße ist. Aber warum ich etwas, das mich selbst einschränkt, feiern soll, versteh ich nicht.

Ich hinterfrage schon so lange meine Beziehungen zu anderen Menschen, dass es sich anfühlt, wie aufgewacht zu sein. Es ist ähnlich wie wenn man vegan wird: Der Gedanke, dass es etwas anderes geben kann als den gesellschaftlichen Standard, ist plötzlich nicht mehr absurd. Man fragt sich immer öfter Warum tun die das eigentlich? Und warum hab ich es so lang getan?

Eine Prise Freiheit

Nehmen wir mal an, ich befände mich in folgender Situation: Monogame Beziehung, kein Interesse an anderen intimen Kontakten. Dann wäre doch alles cool, oder?

Nicht ganz. „Kein Interesse an anderen intimen Kontakten“ ist immer nur eine Momentaufnahme (wie der Satz „Ich liebe dich“ oder „Ich mag Toastbrot“ – wer weiß, ob es morgen noch so ist). Dinge wie diese ändern sich normalerweise nicht vom einen Tag auf den anderen – aber was, wenn doch? Dann gelangt man sehr schnell in einen Zwiespalt zwischen Partner*in und der anderen Person – oder anders ausgedrückt: der Freiheit, das zu tun, worauf man gerade Lust hat. Selbst wenn die Gefahr, dass das passiert, noch so klein ist – sie ist real. Jede*r der/die meint, Dinge würden sich nicht ändern, ist naiv.

Jetzt kann man argumentieren, dass man sich gerne einschränkt, um dem*r Partner*in einen Gefallen zu tun. Aber will denn der andere Mensch überhaupt, dass man ein Opfer bringt? Ich finde den Gedanken befremdlich, dass ich den Menschen, der mir am wichtigsten ist, etwas nehme.

Was aber, wenn wir das Pferd von hinten aufziehen: Warum sind Partnerschaften nicht standardmäßig offen?

Das würde einerseits die Gefahr, den/die Partner*in tatsächlich einmal zu betrügen, ausräumen. Und wenn man gar kein Interesse an anderen (sexuellen) Kontakten hat, dann lässt man es eben. Beide haben nur Sex miteinander. No problem. Weiterer Vorteil: Das Vertrauen in den Partner wird gestärkt: ich kann mir plötzlich sicher sein, dass er/sie nur mich will und nicht nur auf Andere verzichtet, weil er/sie es nicht darf.

Zuneigung ohne Anhaftung

Wer es bis hierhin geschafft hat, könnte sich denken: „Der Flo hat bestimmt noch nie wirklich jemanden geliebt“. Ich hätte vor einigen Jahren wohl genauso auf den obigen Text reagiert. Aber ich kann euch versichern, dass ich diese Erfahrung gemacht habe und immer noch tue. Die mitfühlende Freude oder mitfühlende Liebe ist das schönste Gefühl, dass man einem Menschen wünschen kann. Zwei Beispiele zur Verdeutlichung:

  • Eine liebe Freundin von mir geht in einigen Wochen für 4 Monate ins Ausland. Wäre ich in einer Beziehung mit ihr, würde mich sehr traurig machen, sie nicht sehen zu können. Ich fühle mich aber ganz anders: Ich freue mich aus tiefstem Herzen, dass sie diese Erfahrung machen darf. Mehr noch: Ich wünsche ihr, dass sie so wenig Zeit wie möglich damit verbringt, an mich zu denken. Mitfühlende Liebe will, dass ein Mensch bei einer neuen Erfahrung ganz präsent und im Moment sein kann.
  • Eine andere Freundin erzählte mir mal, dass eine Bekannte von ihr vom einen auf den anderen Tag alle Verbindungen abgebrochen hat: Sie ist umgezogen und niemand wusste, wohin – und sie hat auf keine Kontaktversuche ihrer Freundinnen und Freunde mehr reagiert. Wäre ich in der Situation, dass jemand einfach „abhaut“, würde mich das auch treffen. Aber bald schon käme die Erkenntnis, dass sie einen Grund gehabt haben muss, diese Entscheidung zu treffen. Und dass sie diese wohl nicht getroffen hätte, wenn es ihr nicht hinterher besser gehen würde. Dieses Gefühl der mitfühlenden Freude lässt Trauer und Selbstzweifel über den Verlust klein erscheinen.

Ich hoffe, dass sich der böse Klang der Überschrift bis hierhin verflüchtigt hat. Und ich hoffe, ich konnte ein paar Denkanstöße geben. Aber auch wenn ihr nach wie vor anderer Meinung seid und in einer monogamen Beziehung lebt: Ich freue mich für euch – wirklich und aus tiefstem Herzen.

5 thoughts on “Die Monogamie-Lüge

  1. Chrissl

    Huhu Flo 🙂
    Ich teile nachwievor deine Ansichten nicht.
    Ja, man mag für den Moment glücklich oder gar euphorisch sein und die ganze Freiheit spüren. Aber Beziehung ist kein Verlust, sondern viel mehr geprägt von Gewinn. Gewinn von Vertrauen, Zusammenhalt, einer gemeinsamen Zukunft, usw. der den Verlust der sexuellen Freiheit um ein Weites übersteigt. Meiner Meinung nach gibt es wesentlich mehr als Sex. Und für die Person, die du liebst, verzichtest du gerne auf diese Freiheit. Auch schließt eine nicht bestehende Beziehung nicht aus, dass ich dennoch um einen Menschen, der mich verlässt (um z.B. ins Ausland zu gehen), trauer oder mich für diesen freue. Dies hängt viel mehr von der persönlichen Festigkeit ab und nicht vom Beziehungsstatus. Du beschreibst eher das Phänomen sein eigenes Glück von einem anderen Menschen abhängig zu machen, was aber nicht zwangsläufig in einer ausgeglichenen Beziehung passieren muss oder sollte. Meine Meinung 🙂 Ich glaube immer noch, dass eine intakte Beziehung, Kinder und enge Freundschaften sowie Familie der Schlüssel zum langfristigen Glück sind.

  2. Ich find’s ganz wunderbar, dass du über diese Themen schreibst! Danke dafür!
    Ich habe festgestellt, dass mir wirklich wichtig ist, zu vielen Menschen tiefe Beziehungen zu haben, weil das mein Leben extrem bereichert.
    Ich würde einen Aspekt noch hinzufügen: Selbstliebe als Basis dafür, dass ich frei sein kann und nicht abhängig von der Liebe/Abhängigkeit anderer sein muss.

  3. Marie

    Tja, warum sind Beziehungen nicht standard mäßig offen? Ich glaube, dass vielleicht das Bewusstsein ändern würde, wenn man überdenkt, woher diese „Tugend“ der sexuellen Treue überhaupt kommt. Nämlich der Unterwerfung der Frau zur Sicherung der Erbschaftsfolge. Derselbe Grund, weshalb Sex vor der Ehe für Frauen verboten war/ist. Und die weibliche Lust unterdrückt wurde/wird. Diese Denktradition wirkt immer noch nach. Und statt dass die Frau befreit wurde, zu vögeln wie der Mann es immer konnte, haben wir auch noch den Mann in die Monogamie unterworfen. Glückwunsch!

    Buchtipp für den Spätsommer:
    Sex at Dawn

Schreibe einen Kommentar