Die Würde des Menschen

Seit gestern verbreitet sich viral eine Nachricht, die polarisiert: Ein spanischer Torero wurde von einem Stier während des Stierkampfes tödlich verletzt. Hier könnt ihr Einzelheiten darüber lesen.

Viele meiner Veganen Freunde haben diese Nachricht mit Freude aufgenommen. Mich hat das geschockt – wie kann man sich über den Tod eines Menschen freuen? Ich habe das zum Anlass genommen, etwas tiefer in die Grundsätze meiner persönlichen Ethik einblicken zu lassen.

Gedanken zur Ethik

Jede*r von uns hat ein ethisches „Grundgerüst“, auf dem unsere Entscheidungen beruhen. Nicht jede*r hat sich allerdings schon einmal Gedanken darüber gemacht oder ist sich überhaupt dessen Existenz bewusst. Manche Menschen lassen sich fast ausschließlich von ihren Emotionen leiten („Todesstrafe für Kinderschänder“), andere beziehen ihre ethischen Überzeugungen auf ein Konstrukt, das von vielerlei Seiten Einflüsse bekommt und wieder andere sind zwischendrin zu verorten. Ich zähle mich stark zur zweiten Gruppe und möchte kurz beschreiben, woher meine ethischen Einflüsse kommen.

Übrigens: Ich verwende die Begriffe Ethik und Moral hier fast synonym, eine genaue Unterscheidung findet ihr hier.

  1. Der erste Einflus kommt aus den Menschenrechten. Über viele Jahrhunderte haben sich Menschen bekriegt und viel Hass gesät, auch weil unterschiedliche Moralvorstellungen Diskussionen und Verhandlungen immens erschweren. Die Autor*innen der Menschenrechte haben ein ethisches (Teil-)System erschaffen, das meiner Beurteilung nach allgemeingültig ist. Im vielzitierten ersten Artikel unseres Grundgesetzes (welches die Menschenrechte in den ersten Artikeln beinhaltet) steht der Satz Die Würde des Menschen ist unantastbar. Meine Interpretation davon ist eindeutig: Wenn es um Menschen geht, heiligt das Ziel niemals die Mittel. Oder anders gesagt: Mit Leben darf man nicht aufwiegen.
  2. Ich sprach oben von Teilethik, weil es natürlich sehr allgemein gehalten ist. Wenn ein Freund seine Freundin betrügt, sagt das Grundgesetz nichts darüber aus, ob ich es ihr sagen soll. Mehr ins Detail geht das Gedankengebäude des Buddhismus, mit dem ich mich seit geraumer Zeit beschäftige. Ein zentrales Element ist Ahimsa, die Gewaltfreiheit (im Jainismus ist dieses Prinzip sogar noch tiefer verankert). Es besagt, stark vereinfacht, Folgendes: Gewalt zerstört das Leben in jeder seiner Formen. Das ist nicht nur auf offensichtliche Situationen wie Kriege oder Schlägereien zu beziehen. Auch wenn ich etwas nehmen, was nicht mir gehört, ist das Gewalt – vor allem gegen mich selbst: Auch wenn mich dabei niemand sieht, nimmt mein Character Schaden. Deshalb ist eine gewaltfreie Lösung, z.B. Veganismus, immer vorzuziehen.
  3. Ein nicht zu unterschätzender Teil ethischen Denkens kommt auch aus Erfahrung. Wer sich schon mal getrennt hat, weiß, wie schlecht man sich meist danach fühlt. Den Schaden für beide Seiten zu minimieren ist auch Ethik – die Ethik, die man aus Fehlern lernt.

Stierkampf und andere Grausamkeiten

Was heißt das jetzt für obiges Beispiel des Stierkampfes? Utilitaristisch betrachtet (Maximierung des Gesamtglücks) ist die Rechnung einfach:

  • ein Mensch ist gestorben→ weniger Glück
  • die Zuschauer werden sich überlegen, nächstes Mal in eine Arena zu kommen→ weniger Umsatz → weniger Stierkämpfe → weniger tote Stiere (und Toreros) → mehr Glück
  • eine gesellschaftliche Debatte über Sinn oder Unsinn des Stierkampfes ist die Folge → langfristige Abschaffung → weniger Leid → mehr Glück

Der Tod des Torero wäre als ganz nüchtern betrachtet eine gute Sache. Dass das nicht so einfach ist zeigt das Fetter-Mann-Problem (ich feier diesen Namen so sehr!):

Eine Straßenbahn ist außer Kontrolle geraten und droht, fünf Personen zu überrollen. Durch Herabstoßen eines unbeteiligten fetten Mannes von einer Brücke vor die Straßenbahn kann diese zum Stehen gebracht werden. Darf (durch Stoßen des Mannes) der Tod einer Person herbeigeführt werden, um das Leben von fünf Personen zu retten? – mehr dazu hier

Auch hier wäre das Vorgehen utilitaristisch klar. Der fette Mann stirbt, damit fünf andere Menschen leben können. Trotzdem würde die überwiegende Mehrheit (etwa 90%) den Mann nicht von der Brücke stoßen. Der Grund ist, dass eigenem Handeln mehr Verantwortung zugestanden wird, als eigenem Unterlassen. Utilitaristisch gesehen macht das aber keinen Unterschied.

Die Frage, die sich mir sofort stellt, ist: Warum bringen wir nicht selbst Toreros um? Fordern müsste man es von Menschen, die sich über den Tod des Toreros freuen. Die Auswirkungen wären ja nur positiv und für die Folgen ist es egal, ob es ein Stier tut oder ein Mensch. Da Toreros realtiv selten von Tierschützern ermodet werden (ich hab keinen Fall gefunden), herrscht hier also eine Diskrepanz zwischen Ethik und Handeln der Menschen, die den Tod des Toreros gut finden.

Es gibt zwei Möglichkeiten, diese kognitive Dissonanz aufzulösen:

  • Wir bringen Toreros (oder allgemein: Menschen, die einen negativen Einfluss auf diese Welt haben) um.
  • Wir passen unsere Moral an und finden tote Lebewesen grundsätzlich doof.

Die Wahl dürfte nicht schwer fallen.

Moral in der Zwickmühle

Es gibt einige Fälle, in denen ethisches Handeln nicht so einfach zu bewerkstelligen ist. Schon im Sozialkunde-Unterricht in der Oberstufe wurde das (damals aktuell reformierte) Luftsicherheitsgesetz diskutiert. Nach den Anschlägen vom 11. September sollte es erlaubt werden, eine gekaperte Passagiermaschine, bei der ein Einsatz als Waffe gegen Zivilist*innen wahrscheinlich ist, abzuschießen. Das Gesetz wurde vom Bundeverfassungsgericht mit Verweis auf die Unantastbarkeit der Würde gekippt. Außerdem fällt hier noch ein ganz praktischer Punkt ins Gewicht: Wer garantiert, dass das Flugzeug wirklich in ein Gebäude fliegen würde? Vielleicht bricht der/die Geiselnehmer*in zusammen und ruft nach seiner/ihrer Mami?

Ein krasses Gegenbeispiel zu meiner Ethik ist der vegane Aktivist Gary Yourofsky. Abgesehen davon, dass er die Todesstrafe befürwortet, äußert er immer wieder, was er am liebsten mit nicht-vegan lebenden Menschen tun würde: Vegans, please stop promoting Gary Yourofsky – mir ist beim Lesen schlecht geworden. Trotzdem wünsche ich mir nicht, dass er stirbt.

Kennt ihr moralische Dilemmata? Legt ihr eine andere Ethik zugrunde oder habt sogar einen Fehlschluss in meier Argumentation gefunden? Schreibts in die Kommentare, ich bin neugierig 🙂

Edit: Natürlich ist es etwas anderes zu sagen „Selbst Schuld“, das ist tatsächlich auch meine Meinung. Danke an dich, liebe Anne, für den Hinweis! Wer sich in Gefahrensituationen begibt, muss damit rechnen, Schaden zu nehmen – das ist die persönliche Freiheit jedes Menschen. Wie weit allerdings Freiheit geht und wie sehr wir wirklich „frei“ sind, das ist eine andere Geschichte 😉

2 thoughts on “Die Würde des Menschen

  1. Hi Flo 🙂

    erstmal vorneweg, ich gehöre zur „selbst schuld“ Fraktion, die sich nicht über den Tod eines Individuums freut, jedoch in diesem Fall auch kein allzu großes Mitleid aufbringen kann…

    Zwei Sachen zu deinem Artikel:
    Erstens zur Frage, warum „wir“ Toreros nicht selbst umbringen, wenn wir seinen Tod als Vorteil sehen…ganz simpel…Angst vor Bestrafung einerseits und zweitens hast du selbst schon geschrieben, dass wir unserem eigenen Handeln eine sehr hohe Bedeutung zumessen, z.B. im Vergleich zum eigenen Unterlassen, sicher aber auch im Vergleich zum sich darüber freuen, dass jemand anders etwas tut, das wir zwar in diesem speziellen Fall vielleicht gut heißen, grundsätzlich aber schlecht finden und verinnerlicht haben, dass es das Schlimmste ist, was es überhaupt gibt, nämlich einen anderen Menschen zu töten. Tötungsdelikte nennt man bei uns „Kapitalverbrechen“ und Mord wird mit der höchstmöglichen Freiheitsstrafe von 25 Jahren geahndet. Das würde ich schon als gewisse Hürde bezeichnen.

    Und dann noch zum Luftsicherheitsgesetz….wir haben das im Jurastudium auch diskutiert. In der Theorie ist es verboten das Flugzeug abzuschießen. Das Gesetz wurde zu Recht vom Bundesverfassungsgericht gekippt, allerdings ist das nur die Theorie. Um in Deutschland wegen einer Straftat verurteilt zu werden, muss man tatbestandsmäßig, rechtswidrig und schuldhaft handeln, das heißt es dürfen bei der Erfüllung eines Tatbestandes weder rechtfertigende Gründe, noch schuldausschließende Momente gegeben sein. In der Praxis würde das Flugzeug wohl abgeschossen werden und die Tat wäre durch den sogenannten „übergesetzlichen Notstand“ entweder gerechtfertigt, entschuldigt, oder zumindest wäre es ein Strafausschlussgrund.
    Die Entscheidung der Verfassungsrichter hat in der Praxis also folgende Bedeutung: Man kann sich an das geltende Recht halten und das Flugzeug nicht abschießen, dann wird man nicht zur Verantwortung gezogen, weil man sich an das Gesetz gehalten hat. Man kann das Flugzeug aber auch abschießen, dann muss man sich vor Gericht verantworten, wird aber mangels Vorliegens von tatbestandsmäßigem, rechtswidrigem und schuldhaftem Handeln freigesprochen.
    Da war jetzt kein Widerspruch zu dem was du geschrieben hast, sondern einfach nur eine Ergänzung, weil das Thema interessant ist 🙂

    1. Flo

      Hui, danke für die ausführliche Antwort 🙂 Ich erinnere mich sogar, dass wir beide mal über das Luftsicherheitsgesetz gesprochen hatten und jetzt gerade kommt ja ein ähnliches Thema auf – das der selbstfahrenden Autos: http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2016-07/37928033-ethik-kommission-fuer-selbstfahrende-autos-wird-eingesetzt-003.htm

      Mit der Hürde hast du Recht, das habe ich nicht bedacht. Und auch die Unterscheidung zwischen „Allgemein“ (für verwerflich halten) und „in diesem Fall“ (z.B. für gerecht halten) hab ich nicht weiter thematisiert, weil ich davon ausgegangen bin, dass Ethik und Handeln konsistent sein sollten. Das muss aber gar nicht so sein… Das ist aber wieder ein anderes Thema 😉

Schreibe einen Kommentar