Ein Ernährungsrat für Hamburg

In diesem Blog soll es ja nicht nur um allgemeine Themen gehen, sondern auch speziell um Hamburger Angelegenheiten. Mit was ich in den letzten Wochen einiges an Zeit verbracht habe, will ich euch jetzt beschreiben: Die Bildung eines Hamburger Ernährungsrates.

Am gestrigen Dienstag fand das dritte Treffen des angehenden Hamburger Ernährungsrates statt. Fotos und einen Nachbericht davon findet ihr weiter unten – erst einmal möchte ich euch erklären, was ein Ernährungsrat überhaupt ist.

Die Idee

Über Foodsharing hab ich schon viel geschrieben und wie ihr wisst, ist es mir eine Herzensangelegenheit, etwas Gutes zu dieser Welt und ihrer Entwicklung beizutragen. Dazu gehört auf jeden Fall auch, die Menschen dazu zu bringen, weniger Lebensmittel wegzuwerfen. Als ich mir aber Gedanken darüber gemacht habe, wie es erst so weit kommen konnte, stieß ich auf einen Grund, der mit den wegwerfenden Menschen selbst gar nicht so viel zu tun hat: die gesellschaftlichen und politischen Umstände. Beispiel: Wenn ein Steak zehn mal so teuer wäre, würde jedes mal wegschmeißen richtig weh tun im Geldbeutel. Und wenn man die Paprika selbst geerntet hätte, würde es richtig weg tun in der Seele.

Nun ist die Preisgestaltung bei Lebensmitteln und die Initiierung von Stadtgärten für den/die einzelne*n Esser kein leichtes Unterfangen. Selbst bei vielen Mitgliedern, die alle das selbe Thema verbindet (man denke an die 1300 Foodsaver*innen in Hamburg) ist es schwer, gesamtgesellschaftlich oder politisch Einfluss zu nehmen. Organisationen, die sich in einem anderen Sektor, als dem der Ernährung, Gehör verschaffen können sind z.B. Greenpeace bei Umweltfragen oder die Gewerkschaften bei Arbeitnehmerrechten. In der Frage der menschlichen Ernährung fehlt solch eine Interessenvertretung bisher.

Dazu kommt, dass der Sektor Ernährung nicht leicht zu verorten ist. Behörden, die in Hamburg etwas mit Ernährung zu tun haben, sind z.B.:

  • Die Behörde Gesundheit und Verbraucherschutz vertritt die Hygienebestimmungen.
  • Die Behörde Stadtentwicklung und Wohnen entscheidet, wo Flächen zum Urban Gardening genutzt werden können.
  • Die Behörde Schule und Berufsbildung bestimmt, was is den Mensen und Schulkantinen auf den Tisch kommt.
  • Die Behörde Wirtschaft, Verkehr und Innovation kümmert sich um die Hamburger Agrarwirtschaft.
  • Außerdem gibt es die Landwirtschaftskammer und noch einige andere.

Was tun?

Klar ist: Die Versorgung mit Lebensmitteln kann nur (vorrangig) auf lokaler Ebene garantiert werden. Noch mehr Lebensmittellogistik mit den daraus resultierenden Treibhausgasemissionen und dem Verpackungsmüll will niemand. Stattdessen sollen Menschen wieder die Souveränität über ihre Ernährung bekommen. Das heißt für mich:

  • das Recht, bei Entscheidungen, die die Ernährung betreffen, mitzureden
  • als Produzent*in wirtschaftlich nicht zum Spielball einiger großer Unternehmen zu werden
  • die Möglichkeit, selbst Essen anzubauen oder einer lokalen Kooperative beizutreten
  • den Bezug zum Essen, der Herkunft desselben und dem Genuss wiederzufinden

Zu all dem kann ein Ernährungsrat beitragen. In Berlin und in Köln gibt es schon einen solchen Ernährungsrat. Nach dem Vorbild der Food Policy Councils in Vancouver und London treiben sie die Wende hin zu nachhaltiger und sozialer Ernährung an. Der Verein INKOTA begleitet Ernährungsräte in Deutschland beim Entstehen und hat auch ein kleines Infovideo gemacht.

„Lecker Hamburger“ – Der Ernährungsrat

Diese Woche fand das mittlerweile dritte Treffen des in Gründung befindlichen Hamburger Ernährungsrates. Zum Kernteam zu Anfang (bestehend aus Harald, Heike, Fabian, Anna und mir) ist mittlerweile eine Gruppe engagierter Menschen mit vielerlei Hintergründen gestoßen, die „den Laden zusammenhält“. Gerade in der Anfangsphase wechseln Personen und Themen häufig, doch wir sind auf einem guten und produktiven Weg.

Unser gemeinsames Abendbrot und Arbeitstreffen war außerordentlich ergebnisreich. Harald übernahm die Moderation und führte durch die Veranstaltung, ich habe zu Anfang den Teilnehmer*innen mit einem Vortrag etwas Input gegeben. Wir wollen ab jetzt bei jeder Veranstaltung eine*n Referent*in einladen, um Denkanstöße zu setzen und den Horizont zu erweitern. Bei mir ging es um eine Einführung in Foodsharing – auch im Kontext eines Ernährungsrates.

Danach lernten wir uns beim gemeinsamen Abendessen in kleinen Gruppen besser kennen – das Essen wurde von Foodsharing und durch die Teilnehmenden gestellt. In der anschließenden kurzen Debatte in großer Runde ging es vor allem um ein gemeinsames Selbstverständnis. Abgesehen von Stichworten wie Ernährungssouveränität, Nachhaltigkeit, Regionalität ist der Rest unseres „Grundsatzprogramms“ frei verhandelbar und wurde zu Erarbeitung in das Komitee Gesellschaft (s.u.) gegeben.

Komitees

Um das kaum überschaubare Themenfeld Ernährung greifbar zu machen, wurde von Harald die Bildung von Komitees vorgeschlagen. Diese beschäftigen sich mit einem einzelnen Themengebiet, bei denen aber natürlich auch immer wieder Überschneidungen statt finden werden. Folgende Komitees sind nach der großen Runde zusammengekommen:

  1. Lebensmittel & Küchen: Produktion, Vermarktung, Lokale Ökonomie, Gastronomie…
  2. Bildung: Institutionalisierung der Ernährungsbildung in Schulen, Bildungseinrichtungen, Großküchen…
  3. Gesellschaft: Tagungen, Workshops, Vernetzung…
  4. Wir-Ackern: Urban Gardening, essbare Stadt…
  5. Politik: Ernährungs als Querschnittthema von Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft, usw.; Vernetzung, Lobbyismus…

Nach etwa 45 Minuten war das Brainstorming beendet und die Komitees stellten in 2-3 Sätzen ihre Ergebnisse vor. Diese Struktur (Aufteilen in Komitees und Zusammenarbeit untereinander) hat sich meiner Meinung nach sehr bewährt und wird beibehalten werden, wobei es jedem*r frei steht, sich in einem oder mehreren Komitees zu engagieren. Einige Komitees werden sich auch bis zur nächsten Veranstaltung (s.u.) noch einmal treffen und weiter an den Konzepten arbeiten.

Was kommt jetzt?

Wir tragen die Ergebnisse intern zusammen und leiten daraus weitere Schritte ab. Natürlich ist das Vorhaben Ernährungswende nicht in kurzer Zeit abgefrühstückt. Auch deswegen brauchen wir engagierte Mitstreiter*innen – der Ernährungsrat lebt von den Menschen, die mitmachen!

Hast du Lust, mehr zu erfahren oder deine Ideen einzubringen? Schau dich auf unserer Homepage www.ernährungsrat-hh.de um (wir brauchen auch mehr Menschen, die die Seite mit Inhalt füllen) oder schreib mir über das Kontaktformular. Das nächste Treffen findet am 5. September statt – Ort und Uhrzeit wird noch bekannt gegeben. Ich würde mich freuen, einige von euch nächstes Mal zu sehen 🙂

Schreibe einen Kommentar