Iss doch, was du willst! – Teil 2

Oder: Ist Tiere essen eine persönliche Entscheidung?

Ich möchte euch in diesem Artikel darlegen, warum es keine persönliche Entscheidung ist, was man isst. Außerdem möchte ich zeigen, warum dies nicht nur für mich, sondern universell gilt. Wenn ich falsche Schlussfolgerungen ziehe oder etwas unverständlich ist, könnt ihr jederzeit in der Kommentarspalte meckern 🙂

Disclaimer: Ich habe im ersten Teil geschrieben „Wir […] stehen gern Rede und Antwort – wenn wir gefragt werden.“. Ab dem nächsten Absatz gehe ich davon aus, dass du meine Einstellung zum Thema Veganismus wissen willst. Also lies nur weiter, wenn du meine Meinung zum Thema auch wissen möchtest. Ich werde im Folgenden Dinge schreiben, durch die du dich angegriffen fühlen könntest.

Grundannahmen

First of all lege ich ein paar Annahmen zugrunde.

  • Ich bin Ethikveganer und bei mir sind Tierrechte das ausschlaggebende Kriterium, vegan zu leben. Alice ist anderer Meinung. Ich diskutiere mit ihr.
  • An manchen Punkten spreche ich von Tiere essen, meine damit aber allgemein tierische Produkte konsumieren.
  • Ich zähle mich nicht zu den Menschen, die meinen, sie hätten die Wahrheit gepachtet. Tatsächlich bin ich der Meinung, dass Wahrheit meist subjektiv ist. Trotzdem gibt es ein paar universelle Schlussfolgerungen – das schließt sich nicht aus.
  • An einigen Stellen unterstelle ich Alice einen Gefühlszustand. Die beschriebenen Gefühlszustände treffen sicher nicht auf jede*n zu – diese Methode habe ich gewählt, weil sie meine Einstellung am leichtesten verständlich macht.

Der unsichtbare Dritte

Ich bin der Ansicht, dass man Tiere nicht töten darf, um sie zu essen. Alice ist der Meinung, der Geschmack rechtfertige das Töten, um sie zu essen. Das heißt, wir gewichten die Argumente Tier am Leben lassen und Geschmack unterschiedlich stark.

Jetzt können Alice und ich uns philosophischer Argumentationen bedienen und uns duellieren, wessen Ansicht besser gestützt ist. Aber darum geht es mir gar nicht, das sind die oben erwähnten, subjektiven Wahrheiten. Ich will auf eine andere Schiene – es wird nämlich ein sehr bedeutender Aspekt (eigentlich der Wichtigste) außer Acht gelassen: Was will das Tier, also das Subjekt, über das Gesprochen wird, eigentlich?

Wir verhalten uns wie Erwachsene, die sich nicht einigen können, ob das Kind zu Oma oder zum Onkel soll – dabei will es vielleicht eigentlich bei den Eltern bleiben. Wir wissen es nicht, weil wir das Kind nicht fragen. Wir beteiligen die Subjekte, um die es geht, gar nicht an unserer Diskussion. In vielen Debatten werden die Subjekte nicht gefragt: geflüchtete Menschen, ungeborene Kinder, Tiere.

Jetzt kann man zurecht behaupten, es sei schwer bis unmöglich, Tiere nach ihrer Meinung zu fragen. Und man kann behaupten, deren Wunsch würde ja von einer der beiden Parteien in Betracht gezogen. Dann müsste man aber wieder werten: Wer vertritt die Ansicht des Subjekts besser – Alice oder ich?

Man kann letztendlich nur mutmaßen, was der Wille von Tieren ist, zum Beispiel durch Verhaltensbiologie. Dazu müsste man Untersuchungen ansehen und sie auswerten und gegeneinander aufwiegen. Aber sind wir dann nicht wieder am Anfang, beim Abwägen der subjektiven Wahrheit? Will das Tier überhaupt leben oder ist es als Schnitzel auch glücklich?

Nein. Die Argumetation ist einen Schritt weiter. Wir können nicht über den Kopf eines Dritten hinweg entscheiden. Und keine Entscheidung zu treffen ist legitim! Es ist klüger, dann lieber nichts zu tun, als Trieb, Begehren oder Wille, den wir nicht wissen können, einfach nach eigenem Ermessen einzuschätzen und auf der Grundlage von Annahmen Entscheidungen zu treffen. Ein Tier zu schlachten ist eine aktive Tat – es leben zu lassen nicht.

Da wir das Tier nicht fragen können ist es universell nicht in Ordnung ist, Tiere zu essen.

Willst du mir jetzt vorschreiben, was ich essen darf?

Alice ist sauer, weil sie den Eindruck hat, ich wolle ihr etwas vorschreiben. Sie fühlt sich angegriffen, aber hab ich gar kein Interesse daran, Alice anzugreifen. Vielleicht ist sie eine gute Freundin von mir, warum sollte ich negative Gefühle in ihr hervorrufen wollen?

Manchmal entsteht ein Kommunikationsproblem. Der einzige Satz, der sich (auch) auf Alice bezieht, ist „[Es ist] universell nicht in Ordnung […], Tiere zu essen“. Damit kritisiere ich ihre Handlung, aber nicht sie als Mensch.

Mir ist sehr bewusst, dass ich bei den meisten Menschen einen wunden Punkt treffe. Die gesellschaftliche Debatte um pflanzliche Ernährung ist (immer noch) aufgeladen. Niemand lässt sich gerne etwas vorschreiben, schon gar nicht, was er/sie essen darf. Die Wahrheit ist leider: Wir bekommen das andauernd vorgeschrieben.

  • Hast du schon mal eine Raupe gegessen? Wieso nicht? Sie sind nahrhaft und sollen ganz gut schmecken. Sie sind bei uns aber mit einem Nahrungstabu belegt.
  • Erinnerst du dich an die Coca-Cola-Weihnachtstrucks? Und an das Gefühl, was die Fernsehwerbung als Kind bei dir ausgelöst hat? Eigentlich besteht Cola ja nur aus Wasser, Zucker und Geschmack. Sie wird aber trotzdem getrunken, weil dafür emotional geworben wird.
  • Hast du schonmal Blumenkohl mit Schokolade gegessen? Nein? Es schmeckt fantastisch! Du wärst wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen, es zu probieren, weil es nicht der gesellschaftlichen Norm von Geschmack entspricht.

Actio und Reactio

Aber warum fühlt sich Alice überhaupt angegriffen? Sie könnte einfach sagen „Ich seh das anders“ – und alles ist gut. Es gibt solche Leute. Ein guter Freund von mir ist Metzger und ich habe Respekt vor ihm, dass er bei diesem Thema mit sich im Reinen ist.

Der Grund für Alice‘ Unwohlsein heißt Kognitive Dissonanz. Dieser Zustand entsteht zum Beispiel, wenn Einstellung und Handlung nicht zusammen passen. Jeder von uns kennt das Gefühl schon aus einem anderen Kontext: Wenn ich jemanden anlüge, um daraus einen Vorteil zu ziehen, habe ich ein schlechtes Gewissen. Meine Handlung (Lügen) passt nicht zu meinem Selbstbild („Ich sage immer die Wahrheit“).

Um das Gefühl aus der Welt zu schaffen, muss entweder die Handlung revidiert werden (die Lüge aufklären) oder das Selbstbild geändert werden („Ich sage nicht immer die Wahrheit“). Häufig wird das Selbstbild auch nur relativiert („Unter diesen Umständen war Lügen ok“), die Handlung als gezwungen gesehen („Ich musste lügen“) oder die andere Person abgewertet („Er verkraftet die Wahrheit doch gar nicht„). Ich kann zu diesem Thema das Buch Mistakes Were Made (But Not By Me) sehr empfehlen.

Hier ist die Einstellung von Alice „Tieren Leid zuzufügen ist nicht ok“ und die Handlung „Ich esse Tiere“. Auswege aus dem Gefühl wären keine Tiere mehr zu essen oder sein Selbstbild zu ändern: „Tieren Leid zuzufügen ist ok“. Ausweichen kann man mit Relativierung („Für mich müssen nicht viele Tiere geschlachtet werden“), äußerem Druck („Ich muss Tiere essen, sonst bekomme ich Mangelerscheinungen.“) oder Abwertung („Schweine sind ja eh dumme Tiere“).

Die kognitive Dissonanz wird umso stärker, je stärker verwurzelt Einstellung und Handlung sind. Tiere essen die meisten schon ihr ganzes Leben und auch die Einstellung „Ich bin tierlieb“ haben wir von Kindesbeinen an. Deswegen ist gerade bei diesem Thema die Dissonanz und damit die Abwehrhandlungen enorm – leider beste Voraussetzungen für ein lautstarke Auseinandersetzung.

Ich bin aber nicht kognitiv dissonant – ich finds ja voll ok, Tiere zu essen!

Alice findet es okay, manche Tiere zu essen und das auch nur, wenn sie nicht mehr als solche erkennbar sind. Alice denkt nicht in der Wurstabteilung im Supermarkt daran, dass alles hier mal gelebt hat. Würde sie ihren Hund essen? Wahrscheinlich nicht. Warum dann ein Schwein? Wissenschaftlich betrachtet macht das keinen Sinn:

„Man geht davon aus, dass Schweine mehr Kommandos lernen können als Hunde“ Leibniz-Institut für Nutztiere

Meine Erklärung dafür ist, dass die Moral schon vorhanden ist. Alice weiß, dass sie Schweine genauso süß findet (zumindest wenn sie klein sind) und für genauso intelligent hält wie Hunde. Trotzdem isst sie die einen und denkt bei den anderen nicht im Traum daran. Es existiert ein unsichtbares Glaubenssystem, das sie davon abhält, allein nach wissenschaftlichen Erkenntnissen zu entscheiden. Die amerikanische Psychologin Dr. Melanie Joy hat dieses System Karnismus getauft. (bis 5:14)

Es gibt Menschen, die haben eine andere Moral. Die haben das System des Karnismus auch erkannt, aber andere Schlüsse daraus gezogen. Da kann ich es noch so universell finden, dass man keine Tiere essen soll – die Menschen haben für sich festgestellt, dass sie es ok finden. Der Freund von mir, der Metzger ist, gehört dazu. Und das respektiere ich. Bei vielen anderen Menschen habe ich dagegen das Gefühl, dass sie innerlich gespalten sind.

Aber ich esse ja nur wenig Fleisch

Das finde ich einen guten Anfang, Alice! Auch wenn bisher wohl nicht der Eindruck entstanden ist: Ich bin starker Befürworter von Zwischenschritten. Das Leitbild der Albert-Schweitzer-Stiftung drückt es sehr schön aus:

Deshalb fördern wir die vegane Ernährungsweise als die derzeit ethisch beste Lösung. Ihre umfassende Verbreitung ist ein langwieriger Prozess, der Zwischenschritte erfordern kann, die wir begrüßen. Dazu zählen auch die Reduktion des Fleischkonsums und die vegetarische Ernährung. – Leitbild der Albert-Schweitzer-Stiftung für unsere Mitwelt

Und selbst wenn euer Ziel nicht vegan sein ist: Werdet euch bewusst, was denn das Ziel ist! Lasst euch nicht von gesellschaftlichen Normen, innere Dissonanz oder Emotionen leiten. Diesen Schritt zu vollziehen und die inneren Spannungen (von denen man vorher nicht weiß, dass sie existieren) aufzulösen, ist ein unvergleichlich befreiendes Gefühl.

Artikel dieser Serie
  1. Iss doch, was du willst! - Teil 1
  2. Iss doch, was du willst! - Teil 2

7 thoughts on “Iss doch, was du willst! – Teil 2

  1. jim

    gut gelungen flo!
    das thema kognitive Dissonanz zieht sich wie ein roter faden durch unsere Gesellschaft.
    die daraus emotional resultierende abwehrhaltung ist mit solchem wissen leichter zu ertragen.

  2. Maxim

    Angenommen, alle Menschen auf der Welt, würden keine tierischen Produkte mehr essen.
    Alle würden sich nur noch an pflanzliche Nahrung halten.
    Was glaubst du, wie lange würde die pflanzliche Nahrung im Jahr, für die Menschen ausreichen?
    Die Ressourcen der Erde sind Jahr für Jahr zu einem früheren Zeitpunkt aufgebraucht.
    Die Menschen können ohnehin nur alle weitestgehend ernährt werden, weil die Nahrungsmittelindustrie künstlich Lebensmittel herstellt. Ohne die künstliche Herstellung, würden gar nicht alle satt.
    Auch die nicht, die nicht in einem Entwicklungsland leben. Wir leben zwar im Überfluss und es wird viel zu schnell weggeworfen, aber auch wenn man das ändern würde, könnte man nicht alle ernähren.
    Wenn tierische Produkte als Nahrungsmittel nicht in Frage kommen würden, wären alle aus der Tierindustrie arbeitslos. Es müsste mehr und mehr pflanzliche Nahrung angebaut werden, aber auch das geht nur begrenzt.
    Alternativ müsste man künstlich hergestellte Dinge essen und das möchte ich persönlich nicht.
    Du bezeichnest dich als „Ethikveganer“ und bei dir seien „Tierrechte das ausschlaggebende Kriterium“.

    Wie sollen denn aber dann die ganzen anderen Probleme gelöst werden, die auftreten, wenn es keine Tierindustrie mehr gäbe?

    1. Flo

      Scheinbar hast du im Physikunterricht nicht aufgepasst. Das Prinzip der Energieerhaltung verbietet es, irgendwoher Nahrung (also Kalorien) zu „erzeugen“. Masttiere leben ja auch nicht von Luft und Liebe, sondern haben einen enormen Bedarf an Futtermitteln und Wasser: http://www.welt.de/wissenschaft/article140327901/Wie-werden-kuenftig-neun-Milliarden-Menschen-satt.html

      Dass alle aus der Tierindustrie arbeitslos wären, damit kann ich – ehrlich gesagt – leben. Das wird kein Dauerzustand sein, denn es wird ja nicht weniger gegessen, sondern nur andere Produkte, für die wieder Arbeitskräfte gebraucht werden.

      Ich dachte, ich müsste nich mehr erklären, was die Gründe für vegane Ernährung sind, weil die hinreichend bekannt sind… Vielleicht sollte ich da doch noch mal drüber schreiben 🙂

  3. Andrea

    Achso, eins hab ich noch vergessen: dein Punkt dass viele Wahrheiten subjektiv sind und es aber nunmal doch was universelles gibt ist gar nicht so uninteressant, wird aber leider auch nicht schlüssig argumentiert. Wenn du z B sagst dass wir auf die Bedürfnisse von Tieren schauen müssen und wir die aber nicht wissen können und dass die aber z B genauso viel wert sind wie die Bedürfnisse des Menschen ist das schon eine klare philosophosche Haltung. Da gibt es in der Philosophie sehr viel Ansätze die auch ziemlich spannend sein können. Also ein Philosoph der sich mit Tierrechten auseinandersetzt und das vielleicht sogar als Plädoyer für die Politik verwenden wollen würde (abgesehen davon dass die sich leider auch durch die Verpönung von Philosophie aber natürlich vorrangig aus wirtschaftlichen Gründen nichts sageen lassen) könnte deinen Artikel nicht verwenden und würde ihn diesbezüglich wahrscheinlich auseinander nehmen. Ich weiß aber natürlich nicht ob das dein Ansatz war.

    1. Flo

      Ich hab nicht behauptet, dass sie genauso viel wert sind, wie die Bedürfnisse des Menschen. Das wäre ja wieder eine Abwägung, eine subjektive Wahrheit.

  4. Andrea

    Dein Artikel gefällt mir an sich. Ist sehr sympathisch und vieles zwar nicht in stringenter, logischer Argumentation aber trotzdem recht punktgenau beschrieben. Ich mag deinen Schreibstil! Er ist unaufgeregt aber trotzdem direkt! Für mich werden aber trotzdem viele Fragen nicht angeschnitten. Z B wann unterstütze ich aktiv das Quälen und Töten von Tieren? Wie verhindere ich es am Besten? WIe sieht es aus mit Resteverwertung (Bspw Leberwurst und Blutwurst)? SInd die ethisch zumindest besser als bspw Milch und Eier? Was ist mit Fleisch- und Tierproduktersatz? Gibt es da nicht auch viele ethische Probleme (was natürlich nichts damit zu tun hat trotzdem keine Tiere zu essen)? Was ist mit tierischen Produkten bei Foodsharing? Ist es da nicht sogar ethischer das zu essen? Ist man ethisch „aus dem Schneider“ wenn man eifach auf den KOnsum tierischer Produkte verzichtet oder sollte man noch mehr tun? Wie ist es bei spirituellen Ansätzen bspw des Buddhismus dass Tiere den Menschen wirklich dienen wollen – dann aber auf sehr bewusste Weise konsumiert (entspricht ein Stück weit deinem Argument oben: also woher sollen wir das wissen; hat aber noch ne andere Richtung und begegnet mit nicht selten). Joa, mehr fällt mir grad nicht ein. Dachte du freust dich vielleicht über Kritik…;)

    1. Flo

      Danke erstmal für das Lob 🙂 Auf das wirkliche ethische Dilemma, auf die meisten deiner Fragen abzielen, bin ich bewusst nicht eingegangen – darum geht es nämlich meistens in Diskussionen und ich wollte die Argumentation eine Ebene darüber stattfinden lassen.

      Zu Fleisch- und Tierproduktersatz kommt morgen der Nachbericht zum Seitan-Kochkurs mit Rezepten. Und zu den tierischen Produkten bei Foodsharing gibt es schon nen Artikel: http://greenject.de/vegan-foodsharing/

      Zum Bewusstsein: Ich bin Pragmatiker, wie ich es auch im anderen Artikel anschneide. Dem Tier ist es relativ egal, ob es bewusst gegessen wird oder nicht.

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