Iss doch, was du willst! – Teil 1

Ändere dein Verhalten und dein Ruf wird folgen, sagte mal ein Freund zu mir. An sich ein kluger Satz – man sollte allerdings hinzufügen, dass der zweite Teil des Satzes sehr lange dauern kann. Vor allem, wenn eine bestimmte Gruppe einen Ruf genießt. Veganer*innen zum Beispiel. Die meisten vegan lebenden Menschen kennen das Thema und für sie steht in diesem Artikel wohl auch nichts Neues.

Mittlerweile kennt wohl jede*r eine*n Veganer*in, zumindest über Ecken. Und trotzdem wird man immer wieder mit einem Vorurteil konfrontiert: Veganer*innen wollen Omnis vorschreiben, was sie zu essen haben. (omnivor ist ein neutraler Ausdruck für Allesesser)

Alles nur Klischee? Oder muss man sich wirklich auf Kritik gefasst machen, wenn man mit einem vegan lebenden Menschen essen gehen will?

Anfeindungen

Bei der Suche nach Statistiken dazu bin ich auf eine andere interessante Studie gestoßen:

„Das Portal vegan.eu und die Kennenlern-Plattform Gleichklang befragten mehr als tausend Veganer. 92 Prozent der befragten Veganer berichteten, bereits Ausgrenzung oder Diskriminierung erfahren zu haben. Achtzehn Prozent von ihnen hatten schon einmal Ausladungen und Kontaktabbrüche erlebt. Aber besonders häufig beklagten die vegan lebenden Personen, dass sie verspottet wurden (92 Prozent) und dass ihnen der Vorwurf des Extremismus gemacht wurde (72 Prozent). Zudem sah sich fast die Hälfte der Befragten häufig mit der Forderung konfrontiert, ein nicht veganes Gericht zu essen. Massiv angefeindet wurden auch vegan lebende Eltern, denen offenbar häufig vorgeworfen wird, dass es unverantwortlich sei, Kinder milch-, ei- und fleischfrei zu ernähren.“ – FAZ

Wie sehr die vegane Fraktion „zurückfeindet“, steht dort natürlich nicht. Und: Es muss auch keinen Zusammenhang geben, denn wer angefeindet wird, kann auch zurückfeinden. Natürlich gibt es auch die Veganer*innen, die anfangen mit dem schimpfen, dazu hab ich aber leider keine Studie gefunden. Meiner persönichen Erfahrung nach ist dieser Typ, der „Missionierungs-Veganer“, aber eher die Ausnahme. Das sind nur die, die am lautesten Schreien. Leider prägen die das Bild der ganzen Gruppe.

Die Studie fördert auch noch weitere interessante Zusammenhänge zutage:

„Insgesamt waren Veganer stimmungsstabiler als Omnivoren, die auch Fleisch, Milch und Ei aßen. Bei Männern zeigten sich unter den Veganern auch weniger Ängste. Bei den Frauen bestand ein deutlicher Unterschied im empfundenen Stress zwischen den Veganerinnen und den Omnivoren. Die Frauen, die vegan lebten, waren weniger gestresst.“ – FAZ

Jetzt wäre es ein logischer Fehlschluss zu denken, veganes Essen macht stimmungsstabiler, sowie angst- und stressfreier. Es kann auch so sein, dass Menschen, die im allgemeinen gelassener sind, eher dazu neigen, sich vegan zu ernähren. Aber man kann wohl davon ausgehen, dass angst- und stressfreiere Menschen seltener provozieren.

Es lassen sich allerdings auf Anhieb einige Beispiele finden, bei denen Veganer*innen provoziert werden: Die Jungen Liberalen haben in der Vergangenheit öfter Grilldemos gegen den Veggietag organisiert, unter anderem vor der Grünen Parteilzentrale und vor Mensas. Und auch die Bild-Zeitung ist ganz groß im Dagegensein:

„Die Grünen wollen uns das Fleisch verbieten!“ – Bild-Aufmacher am 5. August 2013

Die Aufregung war groß. Dass der Veggieday schon Anfang 2011 von der Grünen Bundestagsfraktion beschlossen wurde, interessierte die Leser der Bild-Zeitung herzlich wenig. Dabei ging es meist nur darum, zwei vegetarische Gerichte anzubieten, statt nur eines.

Ist es Veganer*innen also egal, was Andere essen?

Hier muss man differenzieren.  Dass Menschen sich für eine vegane Lebensweise entscheiden, lässt sich gewöhnlich auf zwei Motive zurückführen:

  • weil sie etwas für sich selbst tun wollen, z.B. bessere Gesundheit, Gewichtsverlust oder auch „Hip sein“. Ich nenne diese Gruppe Gesundheitsveganer.
  • weil sie etwas für andere tun wollen, z.B. für die Tiere, das Klima oder gegen den Welthunger. Diese Gruppe nenne ich Ethikveganer.

Die meisten vegan lebenden Menschen sind ein bisschen von Beidem. Oft ist ein spezifischer Aspekt der Grund für den Einstieg ins das vegane Leben, aber genauso oft gewinnen andere Punkte im Laufe der Zeit an Bedeutung. Ich behandle die beiden Gruppen hier trotzdem einzeln – für jemanden, der/die sich beiden Gruppen zugehörig fühlt, gilt die „strengere“ Schlussfolgerung, die der Ethikveganer.

  • Für Gesundheitsveganer*innen ist es tatsächlich völlig gleichgültig, was das Gegenüber isst. Vielleicht wünscht man dem*r Anderen, dass er/sie die Vorteile des veganen Lebens erkennt, aber es bleibt eine persönliche Entscheidung.
  • Für die Ethikveganer*innen geht es um die Beeinflussung von Entitäten, die uns alle betreffen (die Umwelt z.B.). Es wäre also komplett unlogisch, als Ethikveganer*in zu behaupten, es wäre einem egal was andere Essen. Wie sich das äußert, darüber gibt es aber zwei verschiedene Ansichten:
    • die meisten vegan lebenden Menschen haben verstanden, dass sie ihre Überzeugungen nicht durch verbale Agression vermitteln können. Jede Form von Angriff erzeugt eine Abwehrhandlung, auch wenn der Angriff auf noch so ethisch korrekter Grundlage erfolgte. Wir (ich zähle mich da auch dazu) wollen ein positives Bild vermitteln und stehen gern Rede und Antwort – wenn wir gefragt werden.
    • die „missionierenden Veganer*innen“ (blöder Begriff) haben diesen Zusammenhang noch nicht verstanden. Oder sie sehen das ganz anders, das kann ich nur mutmaßen.

Björn Moschinski sagt vor ein paar Jahren zu mir:

Wenn du gerade erst vegan wurdest, fragst du dich, wie du die Fakten vorher ignorieren konntest. Du willst, dass andere auch „aufwachen“ und verstehst nicht, dass sie etwas, was für dich so klar ist, nicht verstehen. (sinngemäß)

Also ist es keine persönliche Entscheidung, was ich esse?

Nein. Das klingt hart, aber ich erkläre euch im zweiten Teil, warum – gebt mir ein bisschen Zeit dazu. Bis dahin müsst ihr euch mit diesem lustigen Comic zufrieden geben – Cheerio!

Evil Thougts Vegan Comic

Artikel dieser Serie
  1. Iss doch, was du willst! - Teil 1
  2. Iss doch, was du willst! - Teil 2

4 thoughts on “Iss doch, was du willst! – Teil 1

  1. Chrissl

    Interessante Einleitung, die Lust auf mehr macht!

    Mit dem Punkt, dass man Kinder ohne weiteres vegan ernähren kann, stimme ich nicht überein. Dies liegt aber hauptsächlich daran, dass der Stand der Forschung & Information in dem Bereich noch unzureichend ist und somit die Gesundheit des Kindes nicht gesichert ist. Klar, das Kind würde auch ohne tierische Produkte überlegen, aber ob es eine ebenso gute Entwicklung wie ein „Omni“-Kind durchlaufen würde, da wäre ich mir nicht so sicher. Die letzten Forschungen beschäftigten sich jedoch, meines Wissens, mit der Gabe von Fisch im Kindesalter und den positiven Einflüssen, stattdessen sollte nun mal besser erforscht werden, wie Fleischgabe und tierische Produkte gleichwertig oder womöglich besser ersetzt werden könnte. Eine vegane Kindesernährung kann nur sicher erfolgen, wenn die Eltern sich vorab entsprechend bilden. Das der eine, mir sehr wichtige Punkt. Bei Kindern kann nicht einfach tierisches Produkt weggelassen werden.

    Zum anderen bin ich der Meinung, dass es sowohl unter Veganern, als auch unter Omins untollerante Idioten gibt, die andere Meinungen, als ihre eigenen nicht akzeptieren. Es braucht doch einfach nur ein bisschen Respekt, sich für den Veganer zu freuen, dass er nun mit in der Mensa essen kann, da es täglich ein veganes Gericht gibt und sich dann nicht mit dem riechenden Braten ihm gegenüber zu setzen. Würde ich doch auch nicht tun, wüsste ich jemand kann keinen Käse ausstehen und mich dann mit riechendem Käse vor ihn setzen. Dazu braucht es nicht Veganer und Omnis, das sind einfach respektlose Personen, die nun halt ihr Schlachtfeld beim Veganismus gefunden haben. Auch nur meine Meinung. Ich glaube jedenfalls nicht, dass die Omnis wirklich dafür kämpfen, dass der Welt die Tierquälerei und -tötung scheißegal bleibt, die wollen sich nur mal so aufblasen und wichtig machen. Höchstens der Politik könnte es wichtig sein, dass alles so bleibt, weil sonst machen sie keine Kohle mehr.

    So, fast n halber Artikel 😉

  2. Alex

    Interessanter Artikel.

    Ich lese da folgendes raus:
    Ihr wünscht euch sehr, dass die Omnis auch Vegan leben, äußert dies aber nicht durch das „Missionieren“ wie oben beschrieben…
    Was haltet ihr denn Konkret von Omnis?
    Oben steht „ihr wünscht euch, dass die anderen aufwachen“.
    Bedeutet das, dass Omnis in euren Augen nicht Intelligent genug sind, um das zu verstehen?

    Gruß
    Alex

  3. Prima! Was man noch ergänzen könnte ist, dass es auch Mischformen aus „Gesundheits- und Ethikveganern“ gibt, denn im Artikel klingt es ein bisschen so, als wäre man immer entweder das Eine oder das Andere.
    Oft gibt eine Seite den Anstoß und mit der Zeit wird die andere Seite zunehmend wichtiger, manchmal ist aber auch von Anfang an echt beides da.

    1. Flo

      Das hatte ich tatsächlich noch überlegt zu schreiben, hab es aber dann doch wieder vergessen 🙂 Ich fügs ein, Danke für den Hinweis!

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