Vegan & Foodsharing

Wie ihr wisst, rette ich viele Lebensmittel über Foodsharing. Dabei liegt es in der Natur der Sache, dass man vorher nicht weiß, was man bekommt. Für vegan lebende Menschen wie mich führt das nicht selten zu doofen Situationen: Wohin mit den geretteten Wurstbrötchen? Könnte man den ganzen unveganen Kram nicht einfach selbst essen? Schließlich sind die Lebensmittel dann aus dem Kreislauf von Angebot und Nachfrage raus… Solche Menschen gibt es und sie nennen sich selbst Freeganer.

Die Frage ob weitergeben oder selbst essen stellt sich mir, seit ich bei Foodsharing bin. Ich bin mittlerweile mittels eines Gedankenexperiments zu einer Lösung gekommen, die für mich passabel erscheint.

Grundannahmen

  • Der/die Veganer*in hat das Ziel, die Produktion von tierischen Produkten zu verringern (und letztendlich ganz zu stoppen). Wir nennen sie Alice.
  • Die tierischen Lebensmittel von Alice sind gerettet, unerheblich ob sie containert sind oder (eventuell auch über Dritte) über Foodsharing bezogen wurden. Wichtig ist nur, dass sie aus dem Kreislauf von Angebot und Nachfrage ausgeschieden sind. Wir nehmen als tierisches Lebensmittel ein Wurstbrötchen.
  • Alice hat die Möglichkeit, die Lebensmittel an eine*n Dritte*n weiterzugeben. Wir nennen ihn Bob.

Gedankenexperiment

Wenn Alice als vegan lebender Mensch tierische Lebensmittel rettet, gibt es bei jedem Lebensmittel zwei Möglichkeiten: (1) selbst essen oder (2) weitergeben. Die Frage ist nun: Was vermindert die Produktion tierischer Lebensmittel am stärksten?

(1) Das Wurstbrötchen selbst essen wirkt sich auf die Produktion überhaupt nicht aus. Wie oben beschrieben, wird keine Nachfrage nach tierischen Lebensmitteln erzeugt – also das, was Veganer sonst auch tun. Das Wurstbrötchen könnte Alice damit essen.

(2) Das Wurstbrötchen weiterzugeben wirkt sich eventuell auf die Produktion aus. Wir nehmen an, dass die Kalorienmenge der von Alice verzehrten Lebensmittel konstant bleibt – dann würde sie bei Weitergabe des nichtveganen Produkts (das sie ja jetzt nicht isst) also ein Lebensmittel als „Ersatz“ brauchen. Sofern gekauft, wird dieses Lebensmittel vegan sein – sofern es gerettet wird, ergibt sich das Spiel von neuem. Beide Fälle sind also identisch. Wenn Alice das Wurstbrötchen an Bob weitergibt, können drei Dinge passieren:

  • Bob isst das Wurstbrot und hat damit einen Teil seines Kalorienbedarfs für den Tag gedeckt. Er kauft weiter Dinge ein, und zwar im Verhältnis vegane und tierische Lebensmittel, wie er das sonst auch tut. Damit ist eine kleine Nachfrageverminderung geschaffen, nämlich dass die absolute Menge an tierischen Produkten, die Bob kauft, kleiner geworden ist.
  • Bob kauft sich normalerweise mittags ein Wurstbrot. Jetzt isst er stattdessen das gerettete. Es wurde ein Wurstbrot weniger gekauft, also Nachfrage verhindert.
  • Bob isst das Wurstbrot zusätzlich zu seinem normalen Kalorienbedarf. Hier wurde keine Nachfrage verhindert.

Welcher der Fälle bei Bob eintritt ist von zwei Faktoren abhängig: Bobs Verhalten und der Art des Lebensmittels.

Da wir Bobs Verhalten vorher nicht kennen, ergeben sich nur Wahrscheinlichkeiten, die auf der Art des Lebensmittels basieren. Ein Beispiel: Gerettete unvegane Chips werden vermutlich zusätzlich zur normalen Kalorienaufnahme gegessen, verhindern also keine Nachfrage. Gerettete Eier hingegen werden bei Bob mit größerer Wahrscheinlichkeit verhindern, dass er noch mehr Eier kauft. Beim Wurstbrot ist es meines Erachtens völlig offen, was passieren wird.

Fazit

Man kann mit der Weitergabe von tierischen Lebensmitteln also potentiell Nachfrage verhindern. Will man als vegan lebender Mensch auf Nummer sicher gehen, sollte man solche Lebensmittel also immer weitergeben. Bisher habe ich aber verschwiegen, dass es immer auch mit einem mehr oder weniger großen Aufwand verbunden ist, Lebensmittel weiterzuverteilen.

Mein Weg ist der mittlere: Sofern der Aufwand klein und die Wahrscheinlichkeit zur Nachfrageverminderung groß ist, gebe ich die Lebensmittel weiter. Zu den nicht-veganen geretteten Dingen, die ich dennoch esse, gehören zum Beispiel Süßigkeiten oder Backwaren. Wurst und Fleisch esse ich generell nicht, weil ich das nicht appetitlich finde. Im Endeffekt muss jede*r für sich ein Maß finden, dass mit dem eigenen Gewissen vereinbar ist.

Natürlich gibt es noch einen weiteren Punkt: Die Festigung der Selbstverständlichkeit des Konsums von tierischen Lebensmitteln. Allerdings hat dieses Argument aus zwei Gründen für mich keine Bedeutung: Wenn ich in der Öffentlichkeit Sojawurst esse, trägt das auch zur Selbstverständlichkeit bei. Und: Durch die Weitergabe von Lebensmitteln kommt man ins Gespräch – und eine Beziehung zu einem Menschen aufzubauen ist der beste Anfang, die eigenen Überzeugungen zu kommunizieren.

Schreibt eure Gedanken dazu gern in die Kommentarspalte – da ich die Weisheit immer noch nicht mit Löffeln gefressen habe, freu ich mich über neuen Input 🙂

6 thoughts on “Vegan & Foodsharing

  1. Sa

    Ich teile deine Überlegungen und bin auch schon zu einem ähnlichen Schluss gekommen: Theoretisch gibt es eine Chance, die Nachfrage nach tierischen Lebensmitteln zu verringern.

    Andererseits sind mir dann noch Dinge eingefallen, die dagegen sprechen:
    1. Bob isst das Wurstbrot. Es enthält die Wurstmarke XY, die er vorher noch nie gegessen hat. Die Wurst schmeckt ihm so gut, dass er Lust auf die Wurst bekommt und sie fortan regelmäßig kauft und isst. Hat er vorher für gewöhnlich Käse oder veganen Aufstrich gegessen und ist nun auf den Geschmack gekommen, verbraucht er vielleicht mehr Wurst als vorher.

    Ist jetzt sehr weit gedacht, aber wäre ja möglich.

    Insgesamt bleibt es für mich eine Grauzone, ich find es definitiv nicht falsch, containerte unvegane Lebensmittel selbst zu essen. (Bin sowieso gegen zu viel Strenge…) [Bei Fleisch ginge das einfach nicht mehr, der Gedanke, da gerade ne Leiche zu haben, wäre mir inzwischen zu unangenehm, aber in der Theorie fände ich es schon okay.]

    1. Flo

      Stimmt tatsächlich! Allerdings kann es auch sein, dass Bob von der Wurst schlecht wird und er erstmal keine Wurst mehr essen mag 🙂

  2. Deinen Gedankengang kenne ich gut und kann nachvollziehen, was du schreibst.
    Weitergedacht….
    Der Konflikt, „Essen oder nicht“ stellt sich aber nur den Veganlebenden, die das nicht aus gesundheitlichen Überlegungen tun. Ich strebe danach unvegane Sachen weiterzugebenden oder nicht anzunehmen, was aber, wäre ich eingetragene Retterin, bei mir vermutlich zum ähnlichen Konflikt führen würde, denn dann hätte ich sie ja.
    Nach deiner Überlegung müsste ich mir, sollte ich unvegane LM nicht loswerden, Selbstvorwürfe machen, wenn ich sie nicht esse 🙁
    Stelle ich das Tierleid über meiner Gesundheit oder meine Gesundheit über all diese Überlegungen. Ein weiterer verzwickter Konflikt.

  3. Christine

    Ich bin froh, dass du zum Schluss doch noch den Punkt der Selbstverständlichkeit gebracht hast, somit habe ich deinem Artikel nichts mehr entgegen zu setzen.
    Was mir gerade dennoch als Gedanke kam, tierische Produkte werden meiner Erfahrung nach wesentlich seltener gerettet als pflanzliche. Es wäre interessant mal zu beleuchten woran das liegt. Ist die Nachfrage nach tierischen LM (traurigerweise) wesentlich höher als nach pflanzlichen? Werden tierische LM häufiger doch direkt entsorgt? Oder herrscht eine wesentlich größere Überproduktion an pflanzlichem LM?
    Oder ist mein Gedanke totaler Schwachsinn?

    LG
    Christine

    1. Flo

      Ich glaube das liegt in erster Linie an der begrenzten Haltbarkeit von tierischen Lebensmitteln. Vor allem Rohes FLeisch hat ja ein Verbrauchsdatum und darf nach Ablauf gar nicht mehr weitergegeben werden. Wurst und ähnliche „haltbare“ Lebensmittel retten wir aber auch ne Menge 😉

  4. Tom

    Danke Flo für’s Teilen deiner Gedanken!
    Hast dir da wirklich ein interessantes Gedankenexperiment überlegt. Ich kann es völlig nachvollziehen, dass die Weitergabe einen hohen Aufwand darstellt.
    Ich muss sagen, ich selbst wäre da in einem echten Dilemma, da ich aus moralischer und ethischer Überzeugung vegan lebe, d.h. ich verzehre keine tierischen Produkte. Was in diesem Fall durchaus zu Lebensmittelverschwendung führen und damit wieder als verwerflich gelten kann.

    Mir bleibt dabei nur zu sagen: Mach weiter so! Du scheinst deine Bestimmung gefunden zu haben. (:

    Gruß,
    Tom.

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