Warum es ok ist, als Weiße*r Dreads zu tragen

Oder: Der einzige Artikel von mir über Diskriminierung ever

Hinweis: Dieser Artikel ist nicht aktuell.

Am Wochenende war ich mir mit Ash bei einem Thema uneinig. Da ich ein Freund von offener Diskussionskultur bin, breite ich das hier öffentlich aus. Es ging um den Artikel Warum Nazis nicht dumm sind, den ich übrigens sehr lesenswert finde. Eine Sache störte mich jedoch – es ist nur ein Nebensatz, trotzdem hatte er einen großen Einfluss auf mich:

Gegen etwas zu protestieren, sich aber gleichzeitig dessen Figuren zu bedienen, macht das Ganze zu einer Farce (btw: Gilt auch für weiße Menschen mit Dreadlocks, die sich als antirassistisch begreifen. Artikel dazu findest du zum Beispiel hier und hier).

Es geht also um die Ansicht: Weiße Menschen sollten keine Dreads tragenAnarchistelfliege fässt ihren Standpunkt so zusammen:

Trage keine Dreads, wenn du weiß bist, es sei denn, du hast dich sehr eingehend mit deren Geschichte, Black Power, Rastafarianismus, Critical Whiteness und Schwarzer Kritik daran beschäftigt. Hint: Ich kenne keine weiße Person, die danach mit lustiger Leichtigkeit noch ihre Filzlocken spazieren trug.

Ich war erstmal baff. Ich habe selbst keine Dreadlocks und trotzdem fühlte ich mich angegriffen, weil mir noch nie jemand gesagt hat, wie ich aussehen soll. Bei Diskussionen über Diskriminierung ging es sonst immer nur um Reden oder Handeln. Und jetzt soll meine Frisur jemand anderem seiner/ihrer Rechte berauben? Das erschloss sich mir nicht. Also tue ich das, was ich immer in so einer Situation tue:

Durchatmen und das Ganze aus der Ferne betrachten

Dröseln wir das Ganze mal auf. Dreadlocks haben verschiedene Ursprünge und Bedeutungen:

  • bei den Azteken waren sie Zeichen des Priesterstandes
  • Sadhus, eine hinduistische Mönchsgruppe, tragen Dreadlocks als Zeichen ihrer Verbundenheit zur Gottheit Shiva
  • in Strömungen des Islam kam die Symbolik der verfilzten Haare ebenso vor
  • bei den Rastafari, einer Religionsgemeinschaft in Jamaika, traten die Dreadlocks erstmals als Symbol der Abgrenzung und des Widerstandes gegen die weiße Oberschicht auf
  • auch in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung wurde diese Symbolik benutzt, um „um Individualität und Freiheit zum Ausdruck zu bringen, aber auch als eine Zurückweisung von Unterdrückung und Imperialismus, als Zeichen schwarzer nationalistischer oder pan-afrikanischer politischen Überzeugungen, als Symbole für schwarze Einheit und Macht sowie um die afrikanischen Wurzeln zu betonen.“Wikipedia

Gerade der letzte Punkt wird in der Kritik aufgegriffen. Wenn weiße Menschen Dreadlocks aus Modegründen tragen, werden damit Symbole übernommen, ohne dass sie sich selbst damit auseinander gesetzt hätten (wird unterstellt) und ohne selbst zur Gruppe der „rechtmäßigen“ Träger (was soll das denn sein?) zu gehören. Es geht um kulturelle Aneignung (Cultural appropriation):

Cultural appropriation is seen by some as controversial, as the use of elements of a minority culture by a cultural majority are seen as wrongfully oppressing the minority culture or stripping it of its group identity or intellectual property rights.

Ich als Mitglied einer privilegierten Gruppe benutze Symbole einer nicht-privilegierten Gruppe und entziehe sie ihr damit. Das Konzept allgemein kann man unterschiedlich bewerten. Ich sehe allerdings mit dessen Anwendung auf Dreadlocks drei Kritikpunkte.

1. Tragen von Dreadlocks ist nicht direkt gruppenspezifisch

Ich hatte vorher noch nie etwas von Kritik an Dreadlocks bei weißen Menschen gehört. Der erste Gedanke, der mir kam, war deswegen: Sind das die Meinungen Einzelner? Oder wird es von der gesamten Gruppe der people of color so gesehen? (mit dem Begriff der „Gruppe“ fühle ich mich eh unwohl, aber das ist ein anderes Thema)

Diskriminierung ist eine gruppenspezifische Benachteiligung. Das heißt: Der diskriminierte Mensch erfährt Nachteile durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Wenn ich Dreadlocks trage, entstehen dem diskriminierten Menschen keine objektiv messbaren Nachteile, sondern ich verletze dessen Gefühle, die er oder sie aus der Zugehörigkeit zur Gruppe bezieht. Das ist ein wichtiger Unterschied – für die Zugehörigkeit zu einer Gruppe ist nämlich niemand selbst verantwortlich, für die eigenen Gefühle, die aus einer Zugehörigkeit resultieren, schon.

Jetzt könnte man natürlich auf die Idee kommen, dass rassistische Beleidigungen auch „nur“ ein Gefühl verletzen. Das stimmt, aber mit einem Unterschied: Das Gefühl, das verletzt wird, ist direkt auf die Zugehörigkeit zur Gruppe bezogen. Bei Dreadlocks werden Gefühle verletzt, die indirekt aus der Zugehörigkeit zur Gruppe resultieren.

Weil das jetzt ganz schön trocken war, hier ein Beispiel:

  • „Neger“ als Beleidigung ist eine gruppenspezifische Diskriminierung, da das Individuum zur diskriminierten Gruppe gehört. Das Opfer hat es sich nicht ausgesucht, dieser Gruppe anzugehören.
  • Dreadlocks tragen erfüllt diese Voraussetzung nicht: Das Individuum, das sich davon beleidigt fühlt, hat es sich ausgesucht, die Haare als Symbol der Befreiungsbewegung zu sehen. Es gibt, wie oben aufgeführt, auch noch andere damit verbundene Symboliken.

Darüber hinaus sind manche Symboliken für mich so unsinnig wie Nationalismus: Ich als Individuum habe nichts dazu beigetragen, dass Goethe tolle Dinge geschrieben hat, deswegen sehe ich mich nicht im „Land der Dichter und Denker“.

Mein Grundsatz, was Freiheit betrifft, lässt sich übrigens sehr gut mit Artikel 4 der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte aus der Französischen Revolution beschreiben:

Die Freiheit besteht darin, alles tun zu dürfen, was einem anderen nicht schadet: Die Ausübung der natürlichen Rechte eines jeden Menschen hat also nur die Grenzen, die den anderen Mitgliedern der Gesellschaft den Genuss ebendieser Rechte sichern. Diese Grenzen können nur durch das Gesetz bestimmt werden.

Die Würde eines/r Anderen gehört zu dessen Freiheiten. Aber auch wenn ich dann vielleicht ein Arschloch bin: Jemandes persönliche Gefühle zu verletzen gehört zu meinen Freiheiten.

2. Die Beweislast wird umgekehrt

Das Thema kulturelle Aneignung ist so streitbar, wie kaum ein anderes. Trotzdem sollten in jeder Argumentation entsprechende Quellen verwendet werden – das nennt man wissenschaftliches Arbeiten. Oft (aber natürlich nicht immer) habe ich allerdings bei Diskussionen oder beim Lesen von Artikeln das Gefühl: Das Geschriebene wird als wahr hingenommen und der/die Leser*in muss das Gegenteil beweisen.

Ein Exkurs zu wissenschaftlichem Arbeiten gibt es in diesem Wikipedia-Artikel. Der wichtigste Punkt ist für mich: Etwas is so lange eine Theorie, bis es bewiesen ist.

Gerade abseits von Naturwissenschaften ist ein Beweis aber schwer zu bewerkstelligen. Korrelationen können Hinweise geben, aber eine soziologische Theorie (wie kulturelle Aneignung) zu beweisen ist nahezu unmöglich. Deswegen werden Theorien in Geisteswissenschaften auch dann verwandt und allgemein akzeptiert, wenn sie hinreichend gut bestätigt sind – z. B. durch Studien.

Beim Thema kulturelle Aneignung habe ich verlässliche Quellen vergeblich gesucht, selbst googlen brachte keine Ergebnisse. Von daher ist es, unabhängig wie man es persönlich sieht, eine Theorie, die erst noch zu beweisen (oder zu falsifizieren) ist. Es muss also erstmal niemand auf Dreadlocks verzichten.

Übrigens wurde mir auch schon Derailing vorgeworfen, wenn ich mit Hinweis auf wissenschaftiches Arbeiten kritisiert habe. Unabhängig davon, dass Derailing natürlich existiert, muss es in Diskussionen immer erlaubt bleiben, die Grundlagen der Beweisführung anzusprechen. Das Argument „Du betreibst ja Derailing“ sollte nie leichtfertig zum Beenden einer Diskusion benutzt werden – damit überzeugt man nämlich niemanden.

3. Es hat mich noch nie jemand darauf angesprochen

Ich bin Pragmatiker. Die Auswirkungen meines Handelns auf mein Umfeld sind mir also am Wichtigsten.

Bei vielen Diskriminierungs-Themen (und bei kultureller Aneignung am Meisten) habe ich das Gefühl, es wird vorauseilender Gehorsam angewandt. Ich bin noch nie in die Situation gekommen, dass mich jemand wegen Dreadocks kritisiert hätte. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich keine habe… 😉 Aber der Punkt ist: Wenn ich darauf direkt angesprochen werde, kommt das Thema für mich auf die Tagesordnung und man wird eine Lösung finden. Da ich keine Dreads habe und ich mich selbst (als Weißer) auch nicht an Dreads störe, ist das Thema für mich einfach nicht relevant genug. Kurz gesagt: Ich sehe nicht, dass es Leute stört.

Also alles Quatsch?

Ist die Theorie der kulturellen Aneignung damit also widerlegt? So einfach ist es nicht. Alles, was ich geschrieben habe, trifft erstmal nur auf die Anwendung der Theorie auf Dreadlocks zu.

Ob kulturelle Aneignung stattfindet und wie schwer diese wiegt, muss man jedes mal erneut prüfen. Einige meiner eigenen Eckpunkte dazu:

  • Wird ein Stereotyp gefestigt oder gar neu erschaffen? Der Stereotyp vom Dreadlock-tragenden schwarzen Menschen ist schon fast in der Versenkung verschwunden, dafür ist diese Frisur auch zu Mainstream geworden. Etwas anderes ist es, wenn ich mir einen Kopfschmuck aus Federn aufsetze. Trotzdem muss man abwägen: Ich würde meinen (nicht vorhandenen) Kindern darüber sprechen, aber es ihnen trotzdem nicht verbieten, sich als Indianer*in zu verkleiden.
  • Sind (behauptete) Vor- und Nachteile des Verhaltens real? Es ist zum Beispiel überhaupt nicht kritisch, als weißer Mensch HipHop-Musik zu machen – und damit erfolgreich zu sein. Hat beispielsweise der Erfolg von Eminem nur ihm geholfen oder der Musikrichtung allgemein (und damit auch allen schwarzen Künstlern)?
  • Auf der anderen Seite muss man sich fragen: Wo ist die Grenze zum kommerziellen? Sich aus der Kiste von anderen Kulturen zu bedienen, um damit Geld zu machen, ist fragwürdig. (Danke an Laura für die Links!)
  • Was würde ich selbst darüber denken? Ich bin Veganer und kenne einige Menschen, die meiner Meinung sind, aber aufgrund einer Nahrungsmittelunverträglichkeit nicht vegan leben können (d.h. sie haben es sich nicht ausgesucht). Wenn sie dann „Werbung“ für das Thema machen, empfinde ich das nicht als Aneignung, sondern als Wertschätzung.
  • Steckt mehr dahinter, z.B. Schönheitsstandards? Diese sind immer noch rassistisch, vor allem in den USA werden Dreadlock-Träger*innen immer noch diskriminiert.
  • „In steter Veränderung ist diese Welt. Wachstum und Verfall sind ihre wahre Natur.“ wusste schon der erste Buddha, Siddhartha Gautama. Auch Symboliken verändern sich – sind diese heute überhaupt noch relevant?

Und das Wichtigste: Hört euren Mitmenschen unvoreingenommen zu! Selbst dann, wenn ihr selbst das Subjekt der Kritik seid. Dann wäre schon viel gewonnen. Ein Artikel, der mich sehr berührt hat und bei dem sich sehr gut zuhören lässt: 6 Dinge, die man wissen sollte, wie es ist, mit einer Behinderung zu leben.

PS: Warum ist das der erste und letzte Artikel zu Diskriminierung? Ganz einfach: Das Thema lässt sich lässt sich totdiskutieren und so viel Zeit habe ich einfach nicht.

PPS: Ich merke, dass meine Artikel immer länger werden – sorry dafür, das wird sich wieder ändern, auch weil ich in Zukunft weniger Zeit haben werde 🙂

5 thoughts on “Warum es ok ist, als Weiße*r Dreads zu tragen

  1. Anna Minor

    Sehr guter Artikel!
    Danke vielmals, du warst mir eine große Hilfe….
    Habe nämlich schon länger vor mir Dreads machen zu lassen – und zwar aus drei Gründen: Meine Haare verfilzen sich so schnell (aber leider ungleichmäßig dick ) , dass es für mich aus pragmatischen Gründen einfach sinnvoll ist Dreads zu tragen…Und…ich kannte bisher eigentlich primär den hinduistisch-spirituellen Ursprung, welcher ( bzw. einige Aspekte dieser Spiritualität) mich durchaus auch in meiner Lebensgestaltung begleiten….. Und…. ich finde dreads einfach sexy und wunderschöne und individuell (der wohl häufigste Grund warum man sich für Dreads entscheidet vermute ich) ….
    Gestern sprach ich eine Dreadlockträgerin auf ihre Dreads an und sie entgegnete mir mit der Kulturaneignung durch die Kolonialmächte und dass es rassistisch wäre wenn ich als Weiße welche tragen würde , und dass sie sich ihre Dreads demnächst abrasieren will ( sie ist auch weiß) … ich war auch erstmal baff… doch auf meine Anfragen bezüglich ihrer Erfahrungen diesbezüglich und Hintergrundinfos konnte sie mir keine klare Antwort geben, was mich schon stutzig machte……
    Also dachte ich, Google weiß Bescheid… Aber wie du bereits geschrieben hast, stehen im Netz so viele ( teils isolierte und aus dem Zusammenhang entrissene!!!) Informationen, die größtensteils eher spekulativ zu sein scheinen, dass man daraus nicht schlau wird…..
    Erst dein Artikel hatte richtig „Hand und Fuß“ und konnte mich überzeugen! Er konnte mich jedoch nicht aus dem Grund überzeugen, weil er mir quasi den ‚Freischein‘ für die Dreads gab, sondern viel mehr, weil du als einer der wenigen plausibel und objektiv argumentiert hast und so eben zu deinem ‚Fazit‘ (bzw. hast du es als „Eckpunkte“ bezeichnet) gekommen bist, welcher wiederum meinen Standpunkt geformt hat….
    Also nochmal danke an die Zeit, die du in diesen Artikel investiert hast!
    Generell finde ich deinen Blog klasse und werd jetzt öfter mal vorbeischauen 😉
    ..Alles Gute für dich…

  2. peter

    OK, dann sollen Schwarze auch keine Kleider aus der weissen Kultur tragen, keine Autos fahren, keine Sonnenbrillen tragen, keine Machinen oder Elektronik haben, denn all das gehört nicht zu ihrer Kultur.

  3. Felix

    Sehr guter Artikel! Mir war bis letzten Samstag diese Problematik auch nicht klar. Und ich finde es auch wichtig sich darüber zu unterhalten. Aber was wir erlebt haben ist in meinen Augen auch Rassismus. Wir sind in meinem Kiez in Kreuzberg aus einer Bar gegangen worden, weil die Bedienung einen Freund von mir (weiß, dass man das überhaupt erwähnen muss macht mich traurig) mit Dreadlocks nicht bedienen wollte. Aufgrund seiner „rassistischen“ Frisur. Wir mussten gehen… Ich bin aus allen Wolken gefallen…

  4. Karo

    Ich denke, zu diesem Thema ist mit der Aussage „Die Würde eines/r Anderen gehört zu dessen Freiheiten. Aber auch wenn ich dann vielleicht ein Arschloch bin: Jemandes persönliche Gefühle zu verletzen gehört zu meinen Freiheiten“ ist das Thema im Wesentlichen abgehakt. In einer freiheitlichen Gesellschaft hat ein „man sollte dies und das nicht tun/sagen/tragen“ nämlich keinen Platz, es sei denn man ist Moralist oder ein anderer -ist. Man kann sich einen Charlie-Chaplin-Bart wachsen lassen und muss damit rechnen, dass einem mindestens Unverständnis entgegen schlägt, weil man aussieht wie Hitler. Man darf sich ohne auch nur ansatzweise zu wissen, was der „Tag der Toten“ ist und ohne Ahnung von der Kultur Mexikos La Catrina tätowieren lassen, man muss dann damit leben, dass es Menschen gibt, die es als „kulturelle Aneignung“ betrachten und einen deswegen halt doof finden. Alles, was man tut, hat Konsequenzen und alles, was man unterlässt, auch. Das einzige, was „man“ muss, ist, mit diesen Konsequenzen leben.
    Und eine kleine Anmerkung zu dieser Aussage hier: „Etwas is so lange eine Theorie, bis es bewiesen ist.“ Genaugenommen ist etwas so lange eine (Hypo-)These, bis es bewiesen ist. Wenn es (weitestgehend) bewiesen ist, ist es eine Theorie. Du bist Wissenschaftler, du weißt das. Du kämst auch nie auf die Idee zu behaupten, die Schwerkraft sei auch nur eine Theorie und deswegen unbewiesen/ hypothetisch. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird Theorie anders verwandt als in der wissenschaftlichen Arbeit, das weiß ich. Aber ich finde es… sagen wir… ungünstig, dass es so ist, deswegen merke ich das an.

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