Was ist eigentlich „machbar“?

Seit dem Artikel mit dem Gedankenexperiment gestern, geistert mir eine andere Geschichte im Kopf herum. Ich habe viel mit befreundeten Veganer*innen diskutiert und niemand war der Meinung, vegan sein ist eine „persönliche Entscheidung“. Warum ich dem zustimme, auch wenn es im ersten Moment hart klingt, darüber werde ich bei Gelegenheit noch einen Artikel schreiben.

In einem anderen Punkt waren sich auch alle einig: Vegan ist machbar. Mit anderen Worten: es ist kein Verhalten, das die Lebensqualität nachhaltig negativ beeinflusst. Dem würde ich natürlich auch sofort zustimmen, ich merke es ja jeden Tag, dass es mir mit der veganen Lebensweise eher besser geht und ich nichts vermisse. Aber ist diese Tatsache auch so leicht auf andere Menschen übertragbar?

Wieder ein Gedankenexperiment

Bei einem veganen Event treffen wir Carol. Carol lebt nicht nur vegan, sie verzichtet auch darauf, Verkehrsmittel zu benutzen, die schneller als 30 km/h sind. Sie begründet das damit, dass bei schnellerer Fortbewegung unweigerlich Insekten auf der Frontscheibe verenden. Sie fährt also ausschließlich Fahrrad. Für sie ist ihr Verhalten machbar.

Die erste Erkenntnis ist also: Wir ziehen eine Grenze. Als vegan lebende Menschen wollen wir leidensfähigen Lebewesen keinen Schaden zufügen. Die Meisten von uns erschlagen auch keine Spinnen oder Fliegen in der Wohnung. Aber wenn es um die Fortbewegung geht, machen wir einen Kompromiss. Die Frage, die sich stellt, ist: Ist die Grenze willkürlich?

Unsere vegane Gruppe will das natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Es werden also einige Gegenargumente vorgebracht:

  • „Insekten haben kein Schmerzempfinden“ – Auch Insekten besitzen ein Nervensystem, was ein Schmerzempfinden ziemlich wahrscheinlich macht.
  • „Niemand muss Fleisch essen, aber jede*r muss Auto/Zug/etc. fahren.“ – Was heißt, jede*r muss? Um Freunde zu besuchen, Urlaub zu machen oder zur Arbeit zu fahren, kann man auch das Fahrrad benutzen. Oder man sieht es als Luxus und lässt es bleiben – wie das fleischessen. Es ist nicht überlebenswichtig. Außer vielleicht bei Krankenwägen und der Feuerwehr.
  • „Unsere Wirtschaft würde zusammenbrechen, wenn niemand mehr Auto fährt.“ – Ich glaube das nicht. Sie würde sich aber verändern – hin zu lokaleren Wirtschaftsformen. Wenn irgendwann alle Menschen aufhören, tierische Produkte zu konsumieren, würde sich unser gesamtes Wirtschaftssystem auch verändern.

Was ist also machbar?

Für Carol beeinträchtigt ihre Entscheidung ihre Lebensqualität nicht nachhaltig. Für die Meisten von uns würde das sicher anders sein und wir möchten unsere Sichtweise auch respektiert wissen. Wir könnten auf Verkehrsmittel verzichten und damit anderen Lebewesen Leid ersparen. Jemand anders hat diesen Schritt schon vollzogen. Aber wir sehen ihn als große Beeinträchtigung unserer Lebensqualität.

Kommt euch diese Argumentation bekannt vor? Stellt euch vor, wir sind die Omnivoren (für die, die das Wort nicht kennen: die Alles-Esser) und Carol die Veganerin. Die Argumentation bleibt die Gleiche!

Ist die Grenze, die wir ziehen – was wir als machbar bezeichnen und was nicht – also wirklich an Fakten festgemacht? Oder ist es nur unser subjektives Empfinden? Können wir also gar nicht wissen, ob es die Lebensqualität eines omnivor lebenden Menschen wirklich nicht negativ beeinflusst, wenn er/sie auf vegane Ernährung umsteigt? Kann man Lebensqualität überhaupt gegeneinander aufwiegen?

Fazit

Ich habe aus diesem Dilemma noch keinen Ausweg gefunden. Für mich ist Carol sozusagen die „höhere moralische Instanz“. Deswegen freu ich mich umso mehr auf die Diskussion in der Kommentarspalte! Ich habe sicherlich das ein oder andere Argument vergessen – vielleicht sogar ein Ausschlaggebendes, das mein Gedankenexperiment (und Carols Ansicht) ad absurdum führt. Aber wundert euch nicht, wenn ich in der Diskussion die Rolle des Advocatus Diaboli einnehme.

PS: Wen es interessiert, woher die wunderlichen Namen meiner Personen kommen – aus meinem Studium 🙂

10 thoughts on “Was ist eigentlich „machbar“?

  1. Im Grunde müssen wir, als bewusste Menschen, eigentlich bei jeder Entscheidung überlegen:
    a) wie viel ist mir diese Sache wert? Wie viel bringt sie?
    b) wie viel Schaden richtet sie an?

    Dabei haben wir 2 Schwierigkeiten:
    1) Der „Wert“ einer Sache ist sehr subjektiv. Einem Omni ist der Geschmack eines Steaks scheinbar mehr wert als das Leben der Kuh, bei einem Veganer ist es anders rum. Da gibt es auch kein absolutes richtig oder falsch, das hängt von gesellschaftlichen und persönlichen Werten ab.
    2) Die Ungleichverteilung von „Nutzen“ und „Schaden“. Beim Autofahren habe „ich“ einen Nutzen (schneller, wärmer, angenehmer), der Schaden liegt vor allem bei den anderen (Klimakatastrophe, Lärm, …). Genau so ist es eigentlich auch beim Essen, bis auf den Aspekt „Gesundheit“ liegt der Schaden bei anderen, beim Tier, bei der Gesellschaft, …

    Disclaimer: Im folgenden will ich weder Werbung für Steaks machen noch haben die Zahlen irgend einen wissenschaftlichen Hintergrund. Es sind einfach Beispielszahlen. Aber ich glaube, das ist für das Gedankenexperiment wertvoll…. Wer das mit Steak nicht lesen will, kann das Wort gerne durch irgend eine andere „Sünde“ (Auto, Plastiktüte, …) ersetzen.

    Gerade den zweiten Punkt finde ich total interessant, weil wir da bei der Spieletheorie angekommen sind, wo es quasi um das Gefangenen-Dilemma geht. Wenn ich ein Steak esse, ist der Nutzen z.B. 1.000.000. Der Klima-Schaden ist 80.000.000 … der Schaden wird aber auf 80.000.000 Deutsche aufgeteilt, also ist „mein“ Schaden 1, also ist meine persönliche Bilanz +999 … und so geht es allen anderen Deutschen. Das Problem ist, dass 70.000.000 andere deutsche auch ein Steak essen. Bei all diesen Steaks ist meine Bilanz einfach jeweils -1 …. also in der Summe -70.000.000 … also die „Mikroaktion“ Steak essen hat für mich persönlich eine positive Bilanz. Aber die Gesamtaktion 70.000.000 Leute essen ein Steak hat für jeden (inklusive mir) eine total negative Bilanz.

    Und eigentlich ist dafür die Politik da. Das Problem ist, damit verlagert sich das ganze Problem nur eine Stufe höher. Weil wenn Deutschland sich da vorbildlich verhält, z.B. die Klimaemissionen reduziert, dann freuen sich die anderen, dass sie weniger machen müssen.
    Daher müsste man das eigentlich global regeln… oder doch von unten, indem genug vernünftige Menschen mitmachen (trotz temporärer „subjektiver“ persönlicher Nachteile) und einen Trend erzeugen.

  2. Karo

    Meine Gedanken zu dem Konzept der Machbarkeit:
    Gerade bei solchen Diskussionen höre ich immer als Argumente Kombinationen aus „Man muss“ im Unterschied zu „Ich will“, insofern ist es schon eine persönliche Entscheidung und keine Frage der Machbarkeit. Ich erläutere mal:
    Carol in deinem Gedankenexperiment hat sich entschieden so zu leben und sie begründet ihre Entscheidung auf Fakten (Insekten sterben an Windschutzscheiben) und auf ihre Einstellung (Sie will keine Lebewesen töten). Natürlich ist das für sie machbar, weil sie sich dazu entschieden hat. Sie ist überzeugt, sie ist reflektiert, sie weiß was sie tut und da ist es auch völlig irrelevant, was andere für eine Meinung haben. Demgegenüber stehen dann verallgemeinerte Scheinargumente wie „Man muss Auto fahren, weil….“ und nicht „Ich will Auto fahren, weil meine Familie 500 km weit entfernt lebt und ich da nicht mit dem Rad hin fahren mag.“. Dass eine Verallgemeinerung nicht stichhaltig ist, ist offensichtlich. Das gilt allerdings auch umgekehrt: „Man muss kein Auto fahren“ ist genauso falsch wie „man muss Auto fahren“. Aber jeder persönlich kann abwägen, welches Verhalten sinnvoll ist. Ein vernünftiger und informierter Mensch wird allerdings einsehen, dass ein täglicher Konsum von Milch und Fleisch wenig sinnvoll ist und sich für eine zumindest „veganere“ Ernährungsweise entscheiden… bzw um im Gedankenexperiment zu bleiben: Ein vernünftiger und informierter Mensch zieht zurück zur Familie, wenn er dreimal die Woche mit dem Auto 500 km kloppt, weil er die Familie vermisst und gurkt nicht unnötig viel durch die Wallapampa.
    Kurzum: Ich halte es für müßig darüber zu diskutieren, ob irgendwas machbar ist. Das meiste ist machbar. Die Frage ist eher: Ist es sinnvoll für mich? Kann ich aufrecht in den Spiegel schauen oder habe ich mein Rückgrat schon so sehr verbogen im Bemühen das zu tun, was „man“ halt tut?

    1. Flo

      Das stimmt, vielleicht ist in diesem Fall die Grenze einfach durch den „gesunden Menschenverstand“ gezogen…

  3. Sai

    Auch für dieses Dilemma gibt es mal wieder kein Patentrezept. Genau aus diesem Grund ist die Bezeichnung „cruelty-free“ für vegane Ernährung auch irreführend. Unsere reine Existenz in dieser Welt verdammt uns dazu, Leid zu verursachen. Die einzig wirklich konsequente Entscheidung wäre der Selbstmord und selbst der verursacht Leid bei den Hinterbliebenen.

    Der Veganismus als Ideologie hat das Anliegen, unnötiges Leid auch bei Tieren zu verhindern. Dabei ist es oftmals gar nicht unmittelbar ersichtliche, welche Handlung weniger tierisches Leid verursacht. Das Befahren einer präparierten Straße könnte bspw. durchaus weniger Leid verursachen als ein Spaziergang durch den Wald, dessen Boden ja voll von kleinen Insekten ist. Daher sollte das erste Prinzip veganer Lebensweise das Vermeiden jeglicher Partizipation an Ermordungen von Tieren sein, die nicht existenzeller Natur sind (der Konsum von tierversuchsgetesteten Medikamenten stellt innerhalb dieses prinzipiellen Logik ein ganz eigenes Dilemma dar). Sobald es in den Bereich der Tötung von Tieren geht, wird es wesentlich schwieriger. Hier müssten im Grunde alle denkbaren Handlungen ihren jeweiligen Alternativen gegenübergestellt werden, um zu befriedigenden Handlunsempfehlungen zu kommen. Alleine der Aufwand der relevanten Datenbeschaffung (welche Alternative verursacht mehr Leid? usw.) würde jeglichen Rahmen sprengen.

    1. Sai

      Deshalb ist das Prinzip der „Machbarkeit“ auch immer inkonsequent, wie sich wahrscheinlich jeder denken kann. Ich würde hier an den gesunden Menschenverstand appelieren, der dank intuitiver Kosten-Nutzen-Heuristiken für derartige Abwägungen relativ gut geeignet ist.

    2. Flo

      Da hast du Recht, jepp! Der gesunde Menschenverstand ist in diesem Dilemma vermutlich das einzige „Faktum“, das die Grenze nicht willkürlich erscheinen lässt.

      Mit den Medikamenten hab ich übrigens kein so großes Dilemma. Solange ich es „brauche“, d.h. es für meine Gesundheit unerlässlich ist, würde ich trotz meiner Ablehnung von Tierversuchen auch Medikamente benutzen, die an Tieren getestet oder nicht vegan sind – vorausgesetzt, es gibt keine Alternative. Für ne Erkältung muss ich kein Medikament kaufen, wenn jemand eine HIV Infektion hat sieht die Sache schon wieder ganz anders aus.

  4. Nathalie

    Klar, kann man öfter mit dem Fahrrad fahren. Ist auch gut für die Figur. 😉 😀

    Aber wie oft sind mir beim Fahrrad fahren auch schon Insekten ins Auge geflogen oder gegen den Kopf geknallt.
    Vielleicht ist der Schaden beim Fahrrad fahren etwas vermindert, aber trotzdem nicht ausgeschlossen. :-/

    1. Flo

      Da ist natürlich was dran, aber geh mal davon aus, dass Carol nur läuft. Es geht eigentlich mehr ums Prinzip: Welche „Grenze“ ist an Fakten festgemacht? Sonst hätte man (als Veganer) keine Argumentationsgrundlage bei Diskussionen mit Omnis, denen vegan zu „aufwändig“ ist…

  5. Alex

    Moin zusammen,

    zunächst mal ist da ein Schreibfehler 🙂
    2. Absatz,
    „Dem würde ICH natürlich auch sofort zustimmen“

    Ansonsten ein Interessanter Artikel.
    Einzig der Absatz mit dem „Wirtschaft zusammenbrechen“ bereitet mir Magenschmerzen. Unsere Wirtschaft ist schon zu fortgeschritten, um auf (schnelle) Verkehrsmittel zu verzichten.
    Verkehrsmittel, die schneller als 30 km/h sind… Damit sind ja nicht nur Autos oder Fahrzeuge zur Personenbeförderung gemeint ! Was ist mit LKW, die Waren liefern? Alle 30 km/h fahren? Oder was ist mit Zügen/Flugzeugen/S-Bahnen? Was ist mit Geschäftlichen Terminen? Selbst ein Kreuzfahrtschiff ist etwa 40 km/h schnell.
    Das ist, als würde jemand das Internet aus der heutigen Wirtschaft nehmen – einfach nicht denkbar. Ein „Umkehren“ ist nicht mehr möglich.

    Des Weiteren gibt es viele Leute, die schlicht und einfach einen zu langen Weg zur Arbeit haben, um ihn mit langsamen Verkehrsmitteln zu bewältigen. Teilweise sind 50 km und mehr keine Seltenheit.

    Außerdem erscheint mir die Zahl 30 km/h als willkürlich… Wieso 30 km/h?
    Siehe dazu auch hier:
    http://www.bild.de/media/verweis-26927890/Download/2.bild.jpg
    (verurteilt mich dafür dass der Link von Bild ist, aber das zeigt nur einen Screenshot vom ADAC. Anderweitig habe ich den auf die schnelle nicht gefunden)
    Hier steht „bei 30 km/h […] entspricht einem Sturz aus 4 Metern Höhe.“
    Glaube nicht, dass Insekten das überleben?

    Diese Grenze ist also sehr wohl an Fakten gestgemacht.
    Es ist aber schön, dass Carol das für sich entschieden hat und diese Entscheidung ihre Lebensqualität nicht negativ beeinflusst. Aber auf Fortbewegungsmittel verzichten -> Da spielen auch viele Objektive Fakten mit ein, die ich oben aufgezählt habe. Diese Grenze ist für die meisten Menschen und unsere Wirtschaft nicht willkürlich.

    Man muss eine Grenze ziehen, da stimme ich dir voll und ganz zu. Jeder seine eigene.

    Gruß
    Alex

    1. Flo

      Ist korrigiert, danke 🙂 Mit der Geschwindigkeit hast du natürlich voll recht, das würde vielleicht tatsächlich größere Auswirkungen haben. Aber das begründet ja noch nicht die Unterscheidung, welche größeren Auswirkungen „vertragbar“ sind und welche nicht… Natürlich kann man aber so argumentieren, dass ein Verzichten auf Verkehrsmittel *alle* betreffen würde, eine vegane Ernährung aber erstmal nur einen selbst.

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